Berlin : Die Gier des Übersetzers

Ein Dolmetscher schrieb dem LKA jahrelang zu hohe Rechnungen, Fahnder zeichneten sie ab – und bekamen dafür Geschenke. Heute stehen sechs Angeklagte vor Gericht

Kerstin Gehrke

Es begann mit einer großzügigen Computer-„Leihgabe“ und endete als Korruptionsaffäre im Drogenreferat des Landeskriminalamtes (LKA). Nachdem der Türkisch-Dolmetscher Kemal E. den Beamten insgesamt 24 Computer für den Dienstgebrauch zur Verfügung gestellt hatte, soll er nicht nur mit lukrativen Übersetzungsaufträgen belohnt worden sein, sondern auch mit Geldgeschenken. Nach Überzeugung der Berliner Staatsanwaltschaft zeichneten mehrere Polizisten jahrelang „Luftrechnungen“ ab, die Kemal E. eingereicht hat. Für sich und für seine Ehefrau, die ebenfalls als Dolmetscherin arbeitet. Die Beamten sollen die erst zu hohen, später erfundenen Rechnungen wider besseres Wissen als „sachlich richtig“ abgezeichnet haben.

Diese so genannte Dolmetscheraffäre wird ab heute vor dem Berliner Landgericht aufgerollt. Neben den drei Übersetzern müssen sich auch drei Rauschgiftfahnder des LKA, darunter ein leitenden Beamter, verantworten. Kemal E. soll den inzwischen vom Dienst suspendierten Polizisten als Gegenleistung für ihre Beteiligung an dem Abrechnungsschwindel Reisen spendiert haben. Die Staatsanwaltschaft wirft den sechs Angeklagten im Alter zwischen 34 und 53 Jahren gewerbsmäßigen Betrug, Bestechung und Bestechlichkeit vor. Der durch die Falschabrechnungen verursachte Gesamtschaden für das Land beträgt laut Anklage rund 450 000 Euro.

Kemal E. und seine mitangeklagte Ehefrau sind seit Mitte der siebziger Jahre in Berlin als selbstständige Türkisch-Dolmetscher tätig. Für das LKA übersetzten sie in erster Linie mitgeschnittene Telefonate. Den Ermittlungen zufolge kam Kemal E. Mitte der neunziger Jahre auf den Dreh, sich mit den 24 Computern bei der Polizei beliebt zu machen – und sich dadurch weitere dieser attraktiven Aufträge zu sichern. Es soll zu einem Vertrag mit dem 53-Jährigen über eine „unentgeltliche und unbefristete Leihgabe“ gekommen sein. Ausdrücklich soll auch vermerkt worden sein, dass sich das Land Berlin nicht verpflichtet, Kemal E. als Gegenleistung mit Dolmetschertätigkeiten zu beauftragen. Tatsächlich aber sollen die Geschäfte des Kemal E. seit diesem Zeitpunkt wie geschmiert gelaufen sein.

Laut Anklage prüften die drei angeklagten Beamten die Abrechnungen nicht mehr, die Kemal E. für sich, seine Ehefrau und einen weiteren Dolmetscher einreichte. Immer dreister soll er geworden sein. Der Schwindel begann nach Erkenntnissen der Ermittler mit überhöhten Rechnungen für tatsächlich erledigte Aufträge. Später soll Kemal E. Beträge bis zu knapp 40 000 Euro für Verfahren kassiert haben, in denen er gar nicht tätig geworden war und für Tage, an denen er gar nicht in Berlin war.

Bei den drei Rauschgiftfahndern, die zwischen 1998 und April 2002 seine fingierten Rechnungen bewusst wahrheitswidrig unterschrieben haben sollen, bedankte sich Kemal E. den Ermittlungen zufolge mit Kurzreisen. Zwei der Beamten soll er übers Wochenende mit nach Chicago genommen haben, für den dritten sprangen laut Anklage eine Reise nach Prag und ein Kurzurlaub im österreichischen Kitzbühel heraus. Für den Prozess sind bislang fünf Verhandlungstage bis Ende Juli terminiert.

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