Berlin : Die Glanzzeit der Kastanie

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Wir sind angelangt in der Jahreszeit allfälliger Eicheln. Und du bückst dich wie von Kindesbeinen an nach der ersten Kastanie, die dir entgegenglänzt, die –scheint’s – einzig dir zugefallen ist, um nur dir zu gefallen. Jeden Herbst das gleiche Spiel. Dabei fand sich in der Jackentasche eine andere Kastanie aus dem letzten Jahr. Sie ist nicht mehr blank, ist stumpf geworden, wie es auch der blanken Kastanie ergehen wird. Jeder Glanz hat seine begrenzte Glanzzeit. So spielt das Leben uns rechtzeitig im Herbst Kastanien zu, auf dass wir klug werden. Es gab übrigens mal eine, die ich besonders lange behielt; denn sie erinnerte mich an einen lieben Menschen. Wir waren streit-verstört schweigsam nebeneinander gegangen. Da sah meine Begleitung die Kastanie auf dem Weg leuchten, hob sie auf und reichte sie mir. Das ersetzte Sätze.

Am nächsten Sonntag ist Erntedankfest. Dann ist alles unter Dach und Fach. Wie auch die diesjährige Ernte hierzulande ausgefallen sein mag – in jedem Fall ist Dank geboten. Gegen wen? Wir, jedenfalls die meisten Menschen hierzulande, werden satt. Wir werden weiterhin im Winter (geschmacklose) Erdbeeren, im Herbst Spargel, werden jedes unzeitgemäße Gemüse dieser ausgeplünderten Mutter Erde und in der Ferne auch ausgebeuteten Menschen bekommen. Wofür also wem danken für luxuriöse Ungerechtigkeit? Es wäre schon ein gutes Stück Dank im Gedankenspiel, wenn wir uns darüber klar würden, dass Sättigung nicht überall so selbstverständlich ist, wie hiesige Übersättigung auf ferner Menschen Kosten. In einem der 285 Texte dieser Kolumne war’s mir ums Brot gegangen. Man hatte mir von einer alten Frau in entfernt ländlicher Gegend erzählt, die auf jeden Laib Brot, ehe sie ihn anschnitt, ein Kreuzchen ritzte und sich bekreuzigte. Sie gab damit ein Dankeszeichen in eine denkbare Richtung.

Dort, wo ich Kind war in der Notzeit unmittelbar nach dem Krieg, wurde am Erntedankfest der Altarraum der Kirche mit all dem geschmückt, wonach die Menschen der Stadt darbten: mit Broten, Gemüse, mit Mehl-Tüten und ich weiß nicht mehr was noch allem. Und Blumen! Die das, wovon sie sich opfernd trennten, vor den Altar trugen, übten Verzicht zugunsten jener, die noch schlimmer dran waren. Das bleiben mir herrlich bunte Erinnerungsbilder, wenn ich von Erntedankfesten höre. Sie fallen natürlicherweise in diese Jahreszeit. Sie ist von einer eigenartig-erschöpften, ich finde sogar wohligen Wehmut gekennzeichnet. Da duftet der Tiergarten mir köstlicher als zur Frühlingsblüte. Zartes Grün ist Erwartung, Herbstbuntheit aber Erfüllung. Einmal muss Schluss sein. Es ist ein probater Autoren-Trick, vielleicht Verfängliches lieber einen großen, möglichst toten Kollegen sagen zu lassen. Ich rufe zum Beispiel Alphonse Daudet an (Briefe aus meiner Mühle). In einem Brief steht die Geschichte vom Müller Cornille, der mit seiner Windmühle nicht mehr mithalten konnte, nachdem die Dampfmühle mahlte. Einige Kornlieferanten stützten ihn einigermaßen. Aber als er starb, standen auch die Rutenblätter still: Alles hat ein Ende auf dieser Welt, und man muß wohl annehmen, daß die Zeit der Windmühlen vorüber war, wie die der Treidelschiffe auf der Rhône, der königlichen Kammergerichte und der großgeblümten Jacketts. – In einem anderen Brief Daudets nach Paris liest er einem lyrischen Dichter die hintersinnigen Leviten. Der Pariser hatte eine Redakteursarbeit bei einer guten Pariser Zeitung abgelehnt, um seiner Freiheit willen. Werde doch Redakteur, Du Dummkopf! Werde Redakteur! Er werde schönes Geld verdienen, einen Stammplatz in einem prominenten Lokal bekommen und könne sich an Premierentagen mit einer neuen Feder am Hute zeigen: Du wirst sehen, was man davon hat, frei sein zu wollen.

Gut, aber ich will’s eben sehen. Die Freiheit nehme ich mir. Nicht ohne auf der letzten Zeile allseits herzlich zu danken: Adieu!

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