Berlin : Die "Grauen" vor der Wahl: Die Hoffnungsfrohen

Lars von Törne

An der Spitze der Partei "Die Grauen" stehen zwei, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Auf der einen Seite der polternde Landesvorsitzende Dieter Peuker (61), selbstständiger Bodenleger und seit 35 Jahren im politischen Geschäft. Lautstark gibt er markige Sprüche von sich. Daneben der still lächelnde Spitzenkandidat Dieter Neumann (63), Verwaltungsangestellter und Polit-Neuling. Auf Fragen gibt er mit ruhiger Stimme lange, sachliche Antworten. Gelegentlich reden beide gleichzeitig. Dann fällt es schwer, den Überblick zu behalten, wofür die "Grauen" politisch stehen.

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Einig sind sich Peuker und Neumann, dass sie sich einem Wesen verpflichtet fühlen, das die großen Parteien SPD und CDU aus Sicht der "Grauen" in letzter Zeit doch arg vernachlässigt haben: dem Normalbürger. Also dem Menschen, der immer ordentlich seiner Arbeit nachgeht, Steuern zahlt - und dann durch hohe Abgaben und politische Misswirtschaft über die Maßen geschröpft wird, ohne dass der Staat sich um seine sozialen Bedürfnisse und sein Sicherheitsbedürfnis kümmert.

In den Zeiten von Haushaltskrise und Bankenskandal hegen die Grauen, die bei der letzten Berliner Landtagswahl immerhin auf 1,1 Prozent der Stimmen kamen, neue Hoffnung: "Unsere Chance, über die Fünf-Prozent-Hürde zu kommen, war noch nie so groß wie jetzt", sagt Landeschef Peuker. Er hat die Partei im August 1989 mitgegründet. Davor war er 25 Jahre lang in der CDU gewesen, die er aus Protest gegen deren "verschlechterte Sozialpolitik" verließ. Als wichtigstes Ziel fordern die Grauen einen Kassensturz für Berlin. "Alle Finanzen müssen auf den Tisch und von einer unabhängigen Kommission geprüft werden", sagt Neumann. Eine Umschichtung des Haushaltes soll Geld locker machen für das, was die Partei als die Bedürfnisse der Bürger ausgemacht hat: Mehr öffentliche Aufträge für Kleinhandwerker zum Beispiel, bessere Ausstattung der Polizei und der Schulen, Förderung von Selbstständigen, bessere medizinische Versorgung. Wo das Geld dafür herkommen soll? "Da muss man einfach mehr drucken", sagt Dieter Peuker. Und damit eine Inflation provozieren? "Dummes Zeug", wischt er den Einwand vom Tisch. Und während er lautstark erklärt, dass in Zeiten, wo für die Rettung der Bankgesellschaft knapp sechs Milliarden Mark da seien, ebenso viel Geld auch für die Bürger zur Verfügung stehen müsse, setzt Neumann zu einem ruhigen Kurzvortrag darüber an, wie der Kassensturz und die Neuordnung des Landeshaushaltes ganz praktisch aussehen soll. Und schließt mit der selbstkritischen Erkenntnis: "Auch wir können keine Wunder schaffen."

Neben dem Kassensturz haben sich die "Grauen" auf die Fahne geschrieben, "eine rot-rote Regierung zu verhindern", sagt Neumann. Sollte die Partei am 21. Oktober tatsächlich über fünf Prozent kommen, wäre dem Spitzenkandidaten eine Koaliton mit der CDU allerdings auch nicht angenehm. "Theoretisch könnten wir uns vorstellen, eine große Koalition von SPD, FDP und Grünen zu unterstützen."

Trotz Wahlkampf-Slogans wie "Jung, frech, mutig" haben die "Grauen" gerade bei jungen Wählern ein Imageproblem: Sie gelten als Rentnerpartei. Immer noch werden sie mit dem Seniorenschutzbund "Graue Panther" identifiziert, aus dem sie hervorgingen. Das möchten Neumann und Peuker ändern. Zwar seien die Verbindungen zwischen Schutzbund und Partei eng, aber die Partei richtet sich an "ganz normale Bürger" aller Altersgruppen, sagt Neumann. Wenn Dieter Peuker zum Beispiel über Frank Steffel spricht, erscheint der Spitzenkandidat der CDU plötzlich noch jünger, als er mit seinen 37 Jahren ohnehin schon ist. "Ich kenne seinen Vater seit 20 Jahren", sagt Bodenleger Peuker. "Er war mein Großhändler, lange bevor der Sohn das Geschäft übernahm." Und als Dieter Peuker dann Landesvorsitzender der "Grauen" wurde - "da war der junge Steffel noch in der Jungen Union."

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