Berlin : Die größte Baustelle steckt im Kopf

Volker Hassemer, der Erfinder der „Schaustelle“, wünscht sich in Berlin mehr Arbeit an Visionen

Thomas Loy

Die Reichstagskuppel, eine überragende Schaustelle, so wirkungsmächtig – „das hält man ja gar nicht aus“. Volker Hassemer muss manchmal wegsehen, wenn er durch das neue Berlin geht. Seine Augen wandern ruhelos, öffnen sich nicht zum Staunen. Sie sind auf Dinge trainiert, die gar nicht da sind, auf Visionen. Damals, als das neue Berlin noch in der Baugrube steckte, sahen Hassemers Augen schon fertige Türme aus Glas und Beton.

„Ich hatte ja alles im Kopf. Die Planungen für das Kanzleramt mit dem Band über die Spree, die Reichstags-Kuppel, den unterirdischen Bahn- und Straßentunnel.“ Das musste alles unbedingt raus aus seinem Kopf. Und rein in die Köpfe der Berliner, die lamentierten wegen der Staus, den Absperrungen, dem Lärm und dem Dreck. Deshalb erfand Volker Hassemer vor zehn Jahren die „Schaustelle Berlin“, die in diesem Jahr zu Ende geht, was Hassemer übrigens für einen Fehler hält. „So eine Marke darf man nicht einfach aufgeben.“

Volker Hassemer, 61 Jahre alt, war insgesamt 13 Jahre Senator, mal für Stadtentwicklung, mal für Kultur. 1996 übernahm er „Partner für Berlin“, die Gesellschaft für Hauptstadtmarketing. Seit 2002 ist er Privatier, aber sein Terminkalender lässt sich trotzdem nur mit der Hilfe eines Smart bewältigen, den er auch schon mal quer einparkt. Der Smart passt zu einem Vorausdenker wie Hassemer. Genau wie Prenzlauer Berg. Dorthin ist er gezogen, weg vom Zehlendorfer Haus und Garten, um den Künstlern und Kreativen im neuen Berlin näher zu sein.

Mit der Schaustelle wollte Hassemer den Berlinern beibringen, so wie er zu denken: Was du siehst, ist nicht so wichtig, solange du weißt, was draus werden kann. Hassemer lebte schon immer in der Zukunft. Heute beklagt er, dass ihm dahin nur wenige gefolgt sind. „An Gebautem haben wir viel mehr Neues als an Mentalität.“ Dass die euphorischen Prognosen der Nachwendezeit nur noch Satiriker interessieren, wertet sie für Hassemer nicht grundsätzlich ab. „Ohne diesen Euphorieschub wären wir ganz verloren gewesen.“

Hassemer wirkt angespannt. Viele seiner Sätze brechen mittendrin ab. Gedanken bleiben im Ungefähren. Ist er ungeduldiger geworden mit den Jahren? „Ja. Ich dachte, dass das Wachstum schneller geht, dass die Berliner ihre Pioniersituation erkennen.“ Damals, Mitte der 90er, hätte man noch „viel radikaler“ sagen müssen, dass „Berlin jetzt neu startet“.

Hassemer formuliert seine kritischen Anmerkungen sehr dezent. Zum Beispiel die Sache mit dem Osteuropa-Gipfel des Weltwirtschaftsforums in Salzburg. Hätte doch unbedingt nach Berlin gehört, so eine Veranstaltung, sagte Hassemer dem Forumsgründer Klaus Schwab. Dessen Antwort: „Aber der österreichische Bundeskanzler hatte mich gebeten ...“ Der russische Präsident Putin hat ihn auch schon gebeten, also kommt das Forum vielleicht nach St. Petersburg. Aus Berlin hat Schwab offenbar noch nichts gehört.

So funktioniert es, wenn Visionen Wirklichkeit werden sollen, sagt Hassemer. Zum Beispiel die von Berlin als Drehscheibe zwischen Ost und West. Von selbst wachse das nicht. „Nur wenn von oben gezogen wird, geht es nach vorn.“ Oben, das sind Politiker, Wirtschaftslenker, Kulturveranstalter, engagierte Bürger wie Hassemer selbst. Wenn die was Neues auf die Beine stellen, profitierten alle, auch die Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger.

Die Schaustelle bietet vom 3. bis 12. Juni 280 Führungen. Infos unter www.schaustelle.de. Tickets und Programme in den Tourist-Info-Centern der BTM (Tel. 2500-2345) sowie den CTS-Theaterkassen.

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