Berlin : Die große Chance auf die große Liebe

Gabriele Bärtels

Das Thema ist groß. Es geht um Liebe. Es geht um Einsamkeit des Großstädters und wie er ihr ein Ende zu machen gedenkt. Es geht um Hoffnung und um Jetzt-Oder-Nie.

Ute steht in der Schlange vor dem Einlass in das große Thema. Fünfzehn Mark in der Hand. Sie quetscht sich in das Foyer des Spiegelzeltes, schiebt sich an der Theke vorbei. In der Mitte wird getanzt, so dicht voreinander, dass die einsamen Tanzpartner, die sich schon gefunden haben, einander nicht mehr in die Augen sehen mögen. Ute ist nicht groß, sie sieht nur Brustkörbe, einmal sticht ihre Nase versehentlich in einen Schlips. Sie kann das Grölen, Kichern, Lachen, das ihr von allen Seiten ins Ohr dringt, keiner bestimmten Person mehr zuordnen, Parfums und Wässerchen mischen sich zu einem frischgebadeten Duft. Es ist noch früh, es ist noch nicht genug Bier ausgeschüttet worden. Das wird sich ändern.

Durch einen Gang gelangt Ute in ein weiteres, modernes, weißüberspanntes Zelt. Das Dach wölbt sich über ansteigende Sitzreihen. Die Beleuchtung ist noch schmeichelhaft, aber hell genug, dass einem die Einzelheiten nicht entgehen. In der Arena kann man nicht tanzen. Hier kann man nur Cocktails bestellen und warten und die nummerierten, vergrößerten Kontaktanzeigen auf den großen Tafeln studieren. Hier hat Ute vor zwei Wochen Arthur kennen gelernt. Hier will sie ihn wiedersehen.

Wenn er nicht kommt, wenn es das erste und letzte Mal war, dass er hier war, dann hat ihn die Großstadt verschluckt, ist er nicht mehr wiederzufinden, es sei denn, sie gibt eine Anzeige auf. Arthur, bitte melde Dich. Aber daran will sie jetzt nicht denken.

Lassen Sie uns die Perspektive wechseln. Am besten setzen wir uns in die dritte Sitzreihe, das ist nah genug, um Ute weiter im Auge zu behalten und weit genug, um auch das Treiben drumherum zu überschauen. Vielleicht werden Sie hin und wieder auch taxiert, denn taxierende Blicke werden hier häufiger gewechselt als freundliche Lächeln, viel mehr wird gelacht, laut, brüllend, kreischend, ostentativ. Ältere Männer - oft allein. Manche bleiben immer in Bewegung, andere bleiben immer stehen. In der hintersten Sitzreihe halb im Schatten das Mädchenpaar, die eine zu dick, die andere zu dünn, aber sorgfältig zurechtgemacht mit silbernem Glitzer über den Augen und weichem, duftenden Haar. Sie haben die Arme über ihre Brüste verschränkt und saugen den Alkohol durch Strohhalme. Junge Burschen pflügen sich in Gruppen durch das Getümmel und wenn sie einer Frau begegnen, weichen sie nicht aus. Obwohl ganz sicher ist, dass das nicht der Fall ist - man wird das Gefühl nicht los, es sei Silvester und alle warteten fröhlich, aber auch leicht nervös auf den erlösenden Glockenschlag, den Orgasmus, den Höhepunkt der Nacht, den niemand versprochen hat. Das ergibt eine manische Mischung.

Da steht Ute, nun nicht mehr angelehnt. Und der Mann vor ihr, das muss Arthur sein. Na, Gottseidank. Der Abend ist gerettet. Die beiden werfen nun keine Blicke mehr umher und fangen auch keine mehr auf. Sie stecken die Köpfe zusammen und reden. Kein einfaches Geschäft bei der Lautstärke der billigen Musik. (Kurz fragt man sich, was bliebe, wenn man sie abschalten würde.)

Ute hält ihren Mantel vor sich. Arthur sein Glas. Und so stehen sie, er von Standbein zu Spielbein wechselnd, sie auf den Zehenspitzen wippend, und ach und weh, es dauert nicht lang, da leuchtet dem Beobachter die Wahrheit auf, nur Ute merkt leider nichts. Eine Stunde bewegt sie die Lippen, immer schneller und zwischendurch lacht sie und wirft den Kopf zurück, dass das Haar schwingt, doch sie wirkt nicht locker, mehr als sei sie bei der Arbeit, eine steile Falte trennt die eine Augenbraue von der anderen. Ute beugt sich zu Arthur und nippt an seinem Glas, kichernd klammern sich ihre Augen an seine und manchmal wandern sie auch lange weg, aber reden tut sie weiterhin, redet um ihr Leben. Arthur rührt sich nicht. Er nickt nur manchmal und tritt ein unmerkliches Bisschen zurück, nur eine Klitzekleinigkeit. Ute rückt nach und nach, kommt aber keinen Schritt weiter. Die Nötigkeit springt ihr aus den Augen, den Haaren, der gehetzten Röte ihrer Gesichtshaut. Dass sie ihn festhalten will, dass er nicht gehen möge, wissen ihre Fäuste, die den Mantel umklammern, besser als ihr Verstand. Dass die Gesprächspausen immer länger werden, überspielt die Musik gnädig. Dass Arthur dabei immer öfter zur Seite sieht, zu einer anderen als Ute, das will ihr blinder Blick nicht bemerken. Nun ist es halb zwei und der Höhepunkt der Nacht ist längst überschritten, die Pause will gar nicht mehr enden, Ute gräbt ihren Kopf um auf der Suche nach einem witzigen Thema, da sagt er zu ihr: "Du, ich geh jetzt mal tanzen", und verschwindet in den sich lichtenden Reihen. Ute bleibt stehen. Ohne sich zu bewegen. Ganze fünf Minuten lang. Als habe man ihr gekündigt. Dann sagt sie zu dem Pfosten, an den sie zurückgewichen ist: "Er ist ein Arsch." (Und sie sieht wirklich böse aus.)

Durch das Foyer, über abgerissene Eintrittskarten, abgelöste Pailletten, an abgehalfterten Gestalten vorbei. Noch immer kommen neue Gäste. Das Angebot ist nicht mehr frisch. Sie zahlen nur noch den halben Eintritt. Wer jetzt noch zu haben ist, der feilscht nicht lange.

Wer jetzt nicht mehr will, der verschwindet in der Dunkelheit. Wieder ist die große Gelegenheit vertan, irgendwas muss auch Ute falsch gemacht haben, sie grübelt darüber den Rest der Nacht, und die Sehnsucht nach dem, was sie doch haben muss, wächst am Ende der Nacht ins Unermessliche und der Hass auf den Typen auch, bis am Morgen das Tageslicht die Erinnerung an die Liebesmüh auslöscht und sie in 14 Tagen mit neuem Glauben, dem allerbesten Willen und in der Hoffnung, ihrer Demütigung nicht noch einmal zu begegnen, wieder eintritt.Nächste "Fisch-sucht-Fahrrad"-Party: Freitag, 31. März, in den BKA-Zelten am Schloßplatz.

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