Berlin : Die große Hängeparty

Trotz Unwetters konnte der erste der zwei Bügelbauten über dem Hauptbahnhof zusammengefügt werden

Stefan Jacobs

Dieser Tag am Hauptbahnhof hat 54 Stunden. Am Samstagnachmittag, als er knapp zur Hälfte vorbei ist, hängt die eine Bügelhälfte schon fast waagerecht über dem Hauptbahnhof. Der andere Teil aber verharrt auf halber Strecke, seit dem Morgen schon. Am Bauzaun werden die Ersten ungeduldig. Donnernder Applaus würde aus ihnen herausbrechen, wenn sich jetzt – Ssssst! – die Bügelhälften senken und klackend einrasten würden. Doch nur ganz langsam geht es am frühen Samstagabend auf die letzten, die entscheidenden Meter.

Begonnen hatte es mit einer ungemütlichen Freitagnacht. Um 22 Uhr zieht ein Unwetter auf. Die im fünften Stock der Rohbauten versammelten Ingenieure haben Notstromaggregate und Reserveseile. Sturmböen und Blitze sind das Einzige, das ihnen gefährlich werden kann. Doch als am Sonnabend früh die Schaulustigen herbeiströmen, ist der Fortschritt schon sichtbar: Die jeweils 43,5 Meter langen Brücken, jede so schwer wie tausend Autos, hängen im Winkel von etwa 40 Grad an den Halteseilen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Jürgen Zahn nimmt den Bauhelm ab und reibt sich die Augen. „Wir hatten mächtig Glück“, sagt er, der als Verantwortlicher für die Bügel gemeinsam mit Projektleiter Hany Azer bis nachts um zwei auf der Baustelle war. Kurz vor Berlin habe das Gewitter abgedreht. „Sonst hätten wir die empfindliche Steuerungselektronik abschalten müssen.“ Am Zaun haben sich Familien eingefunden, man trägt Digitalkamera und Fernglas, die Frauenquote liegt bei stolzen 50 Prozent. Den Bahnleuten werden die Info-Blätter im Sekundentakt aus den Händen gerissen, der Grillfix nebenan hat „schon ein paar hundert“ Bratwürste verkauft. Die Leute kneifen mal das eine, mal das andere Auge zu: Stehen die Bügel still? Nein, einer bewegt sich doch! Der andere aber verharrt auf halber Strecke. Wird schon noch, steht in Jürgen Zahns Gesicht. Und tatsächlich: Am späten Nachmittag senkt sich auch der nördliche Bügel weiter. Ganz langsam wird die Lücke kleiner, endlich. Leute, die sich eben noch gestenreich die Hub- und Haltetechnik erläutert und ihre Fotos herumgezeigt haben, schauen schweigend hinauf.

Im Pressezelt am Spreebogen war am Morgen auch Klaus Wowereit zu Gast, mit beiger Hose zum dunklen Jackett und ohne Krawatte. Ein „Meisterwerk der Baukunst“ sei der Bahnhof, eine „vorbildliche Leistung“ für Ingenieure in aller Welt. Jenen, die dem seligen Bahnhof Zoo nachtrauern, sagt der Regierende: „Das Grundkonzept der Bahn ist richtig“, der neue Hauptbahnhof solle der zentrale Knoten werden – auch wenn vielen das Dauer-Provisorium Zoo lieb geworden sei. Bald binde die Bahn auch Ziele in Mittel- und Osteuropa enger an, die vor dem Krieg schneller erreichbar waren als jetzt.

Im Spreebogenpark haben sich Picknickfreunde auf dem Rasen niedergelassen, der in knapp einem Jahr zigtausende Fußballfans verkraften soll. „So ein schöner Park hier“, seufzt eine Frau, legt sich ins Gras und blinzelt zu den Bügelbauten. Arbeiter in orangefarbenen Westen huschen hin und her. Gegen sieben scheint die Sonne noch durch einen Spalt zwischen den Stahlträgern. Die ersten Bauleute klettern schon von einer Seite auf die andere. Um 19.35 Uhr ist es geschafft: Die Bügel liegen waagerecht. Hany Azer und Karl-Heinz Eberth von der Stahlbaufirma Donges laufen als erste über die Brücke, treffen sich in der Mitte – Glückwunsch.

Volker Liepelt ist um diese Zeit längst gegangen. Der CDU-Bundestagskandidat hatte eine Hand voll Parteifreunde mitgebracht und ein Schild mit der Aufschrift: „Es muss endlich wieder mehr klappen in Deutschland.“ Der Slogan sei „auf großen Grundkonsens“ gestoßen, resümierte Liepelt nach eineinhalb Stunden zufrieden und packte zusammen. Da war der Tag am Hauptbahnhof noch lang.

Die Stadtbahn bleibt bis Montagfrüh vier Uhr gesperrt. Umfahrungen: Ringbahn zwischen Ost- und Westkreuz, U2 zwischen Alex und Zoo, Ersatzbusse zwischen Friedrichstraße und Tiergarten.

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