Berlin : Die großen Schiffe kommen nicht durch

Der Bund preist den Nutzen des Magdeburger Wasserstraßenkreuzes für den Osten. Aber Berlin hat davon nicht viel. Es fehlt auch der Bedarf

Stefan Jacobs

und Claus-Dieter Steyer

Die Reden klangen, als läge Berlin jetzt fast am Meer. Dabei nützt das gestern eröffnete, 500 Millionen Euro teure Wasserstraßenkreuz bei Magdeburg der Hauptstadt wenig. Die 185 Meter langen Großgüterschiffe aus dem Westen können zwar zügig die Elbe überqueren, aber nach Berlin kommen sie nicht: Havel und Sacrow-Paretzer Kanal westlich der Stadt sind zu flach und zu eng.

Daran wird sich vorerst auch nichts ändern, denn es fehlt an der Nachfrage nach typischen Schiffsgütern: Die Zeit der Großbaustellen mit ihrem riesigen Materialbedarf ist vorbei, und immer mehr Berliner Kraftwerke stellen von Öl und Kohle auf Gas um. Der Rest wird vor allem aus dem Nordosten versorgt. Bis zum Ostseehafen Stettin sind es über den Oder-Havel-Kanal nur 120 Kilometer, vom Westhafen nach Hamburg dagegen 390. Das dauert zwei Tage. Ein Lastwagen schafft die Strecke in vier Stunden.

Das fürs Gesamtprojekt verantwortliche Bundesverkehrsministerium glaubt jedoch, besser ausgebaute Wasserstraßen würden die Schifffahrt zwischen Berlin und dem Westen befördern. Damit die großen Rheinschiffe auf dieser Route verkehren können, müsste die Fahrrinne der Havel von 3,20 auf 4 Meter vertieft und der ganze Fluss von 24 auf bis zu 55, in einigen Kurven gar auf 72 Meter verbreitert werden – mit entsprechend gewaltigen Eingriffen in die Natur. Umweltschützer protestieren seit Jahren gegen die Zerstörung von Wiesen, Mooren und Rastplätzen von Zugvögeln.

„Für die heutigen Transportmengen reicht der jetzige Ausbauzustand völlig aus“, sagt Winfried Lücking, Flussexperte beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). „145 Meter lange Schubverbände kommen überall problemlos durch. Nur an zwei Engstellen besteht Einbahn-Richtungsverkehr.“ Dieser spiele aber wegen des geringen Verkehrs ohnehin keine Rolle.

Die Prognosen von Anfang der neunziger Jahre über das Transportaufkommen lagen weit daneben. Zwischen Magdeburg und Berlin wurde für 2002 eine Gütermenge von 25 Millionen Tonnen vorausgesagt. Tatsächlich waren es nur 2,7 Millionen Tonnen. Dennoch hält auch das Brandenburger Verkehrsministerium am Havelausbau fest. „Wir betrachten die Binnenschifffahrt als umweltfreundliche Alternative zur Straße“, sagt Ministeriumssprecher Lothar Wiegand.

Die Berliner Verkehrsverwaltung hat sich dagegen längst von den großen Plänen verabschiedet: Den Osthafen nahe der Oberbaumbrücke hat der Senat vor zwei Jahren für verzichtbar erklärt. Damit hat sich auch der lange geplante Ausbau des Teltowkanals samt Anhebung zahlreicher Brücken vorerst erledigt. Senator Peter Strieder (SPD) setzt stattdessen auf die Nordroute zum Westhafen. Dazu gehört die neue Charlottenburger Schleuse, die im Dezember eröffnet wird.

Die Ausbaupläne für den Sacrow-Paretzer Kanal zwischen Potsdamer Jungfernsee und Havelkanal ruhen dagegen seit Anfang September. Die Wasser- und Schifffahrtsdirektion Ost reagierte damit auf „völlig veränderte Rahmenbedingungen“. Vor allem der schwankende Wasserspiegel macht den Experten zu schaffen. Wie abhängig die Binnenschifffahrt vom Wetter ist, zeigt ein Blick auf Oder und Elbe. Trotz des Regens der vergangenen Tage fährt hier noch immer kein Lastschiff. Das Wasser reicht einfach nicht.

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