Die Grüne Woche ist eröffnet : Fehlt eigentlich nur Breschnew

Langusten oder Brezn? Die Grüne Woche ist wieder einmal der Traum aller Agrarschaffenden – und Russlands Halle eine Welt für sich. Unser Gourmet-Kolumnist Bernd Matthies hat sich das Treiben angeschaut.

von
Herausgeputzt: Mit frisch gewaschenen Kühen geht es in die Grüne Woche.
Herausgeputzt: Mit frisch gewaschenen Kühen geht es in die Grüne Woche.Foto: REUTERS

Die Grüne Woche ist noch ganz jung an diesem ersten Morgen. Die Aussteller richten ihre Stände, Musiker blättern in Noten, Volkstänzer zupfen am Wams herum. Doch an einer Stelle brummt schon ein Volksfest, als gäbe es kein Morgen auf dieser Messe: bei den Bayern. Wie machen die das? Es ist vermutlich die Souveränität, mit der das Land der Stoibers und Seehofers Tradition und Moderne verbindet. Mitten in der sehr großen Messehalle ruht ein kleiner Stand namens „Innovationsinsel“. Und offeriert auf einer Kreidetafel „Frische bayerische Brez’n“.

Das können sie einfach, dagegen kommen weder die Brandenburger mit ihrem ewigen Landespolizeiorchester noch die Schleswig-Holsteiner mit ihrem verzweifelten Versuch an, Zuhörer für den Käse-Talk mit dem verlockenden Thema „Schutz des Holsteiner Tilsiters“ zu finden. Auch Niedersachsen scheitert mit der Vorstellung von Westerstede, der Gesundheitsstadt im Grünen, denn die Thüringer weiter hinten schicken parallel die Rehbachtaler Musikanten ins Rennen, und die können mit ihrem Hit „Fliege mit mir in den Himmel hinein“ einfach lauter als der Mann aus der norddeutschen Tiefebene. Aber sie kommen trotzdem gern, all die Landräte und Bürgermeister, denn es findet sich immer ein Fernsehteam, das ihre unerhörten Auftritte wenigstens wohlwollend in die Heimat funkt.

Die deutschen Lande sind ja auch nur der Nukleus einer schlechthin globalen Messe, die alles, einfach alles unter einem Dach vereint, vom Meerschweinchen bis zur halben Languste, vom ukrainischen Sonnenblumenöl bis zum Berner Pizokel. Das Weltumspannen gelingt von Jahr zu Jahr allmählich wieder besser, in diesem Jahr ist eine zunehmende Präsenz asiatischer Länder bis hin nach Japan festzustellen, Osteuropa präsentiert sich mit zunehmendem Appetit, und auch die Getreuen aus Holland, der Schweiz, Norwegen oder Marokko buchen anscheinend immer mehr Fläche.

Bei den Deutschen geht es auf der Grünen Woche zünftig zu.
Bei den Deutschen geht es auf der Grünen Woche zünftig zu.Foto: dpa

Anderes dagegen bleibt in den Händen von „Importeuren“, Fleisch- und Weinhökern im Allgemeinen, die sowohl für die notorischen italienischen Wurstgebirge als auch für den gepflegten Absturz am Verkostungstisch sorgen. Aber da, Florida! Ach nein, nur die Berliner Eisfabrik.

Das diesjährige Partnerland der Messe ist Estland, wo man sich allerdings noch müht, diesen sicher teuer erkauften Titel mit Inhalt zu füllen. „Seien Sie uns herzlich willkommen, Kultur und kulinarische Genüsse wie bei den deutschen Vorfahren zu genießen“ steht da rätselvoll auf einer großen Tafel – zumal maßgebliche Genüsse den Fachbesuchern vorbehalten bleiben. Aber das ist normal, denn das von Grüne-Woche-Ignoranten seit Jahrzehnten genährte Gerücht, es flössen auf dieser Messe Milch und Honig gratis ohne Unterlass, trügt auch in diesem Jahr. Essen hier kostet, sobald es allerkleinste Schnipselgröße übersteigt, und selbst diese Schnipsel sind meist nur der Anfang eines breiter angelegten Verkaufsgesprächs.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben