Berlin : Die Grünen: Für Coming-out und Töchtertag

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Von "Zufallsprodukten" hält die Spitzenkandidatin der Grünen wenig. Als wolle sie der PDS einen Seitenhieb verpassen, präsentiert Sibyll Klotz zur bevorstehenden Wahl des Abgeordnetenhauses die sechs neuen Kandidatinnen und Kandidaten auf der grünen Landesliste als personifizierte "Kernkompetenz". Keine Prominenten wie bei der tiefroten Konkurrenz, die auf Bundesebene gerne mit Schriftstellern und sogar mal einem Ex-Admiral geprunkt hat. Je drei Frauen und Männer rahmen Klotz auf der Terrasse des Restaurants "Soda" im lärmigen Komplex der Kulturbrauerei ein - kein schrilles Zufallsgesicht, nicht mal eine kleine Punk-Attitüde nach Art der leuchtend pink-lila Haarpracht von Claudia Roth, der Bundessprecherin der Bündnisgrünen. Stattdessen sitzen hier mitten in Prenzlauer Berg sechs Leute, die unscheinbar wirken. Doch einige würden, sollten sie gewählt werden, die Kern-Berliner ganz schön ärgern.

Zum Beispiel Volker Ratzmann auf Listenplatz 6. Der Anwalt in dem grauen Anzug hat auf linken Demonstrationen mit der Ordnungsmacht um Routen und Deeskalation gerungen, Opfern rechter Schläger verhalf der 41-Jährige in Prozessen zu ihrem Recht. Nun will der Jurist für eine "Entkriminalisierung von Bagatelldelikten" streiten. Ratzmann meint eine Drosselung der strafrechtlichen Verfolgung von Graffiti-Sprayern, Ladendieben und Haschkonsumenten. Da scheint Empörung programmiert.

Nächstes Reizthema: Felicitas Kubala (Listenplatz 3) fordert, die Parkgebühren in der City von einer Mark pro halbe Stunde zu erhöhen - "zumindest das Doppelte" sollten Autofahrer zahlen. Im Gegenzug wäre nach Ansicht der 45 Jahre alten Ex-Umweltamtsleiterin von Steglitz der einfache BVG-Tarif unter vier Mark zu drücken. An welche Summe sie denkt, sagt Kubala nicht. Es würde auch wenig nützen: Bei Cabrio-City-Cruisern dürfte die Frau im spinatgrünen Kostüm bald so populär sein wie Politessen.

Eine Ausweitung der Rechte für Lesben und Schwule fordert Thomas Birk (Platz 18). "Ich möchte, dass Kinder und Jugendliche in Kinder- und Jugendeinrichtungen angstfrei ihr Coming-out erleben können", sagt Birk. Jugend-und Sozialarbeiter müssten entsprechend fortgebildet werden. Auf Listenplatz 9 präsentiert sich Ramona Pop. Sie ist 23 Jahre alt und damit weit unter dem Altersdurchschnitt der anderen Kandidatinnen und Kandidaten. Die Politologie-Studentin und Bundessprecherin der Grünen-Jugend trägt ein schwarzes T-Shirt mit kleinem roten Stern und dem Aufdruck "Starstruck". Amerikanisch inspiriert ist Pops Vorschlag, für junge Frauen einen "Töchtertag" einzuführen. Pop fordert, Schülerinnen sollten einen Tag im Jahr freigestellt werden, damit sie die Arbeitsstelle ihrer Väter, Mütter oder anderen Verwandten besichtigen können. Um Schwellenängste vor Jobs abzubauen, die angeblich nur Männer bewältigen. Pops Botschaft: "Ihr könnt in jeden Job reingehen, ihr könnt das packen."

Etwas blass wirkt der bärtige Oliver Schruoffeneger (39 Jahre, Platz 12), obwohl er sich im Bezirksparlament von Reinickendorf gern mit Frank Steffel angelegt hat. Auch die aus Kroatien stammende, 50 Jahre alte Jasenka Villbrandt bietet kaum mehr als die Forderung, in der Migrationspolitik müssten Spielräume besser genutzt werden. Vielleicht soll nicht gleich jeder grüne Kandidat die Kern-Berliner ärgern.

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