Berlin : Die Grünen: Werner Schulz kam, sprach und siegte

Holger Wild

Ihrer Tonlage nach fiel es Andrea Fischer noch am Sonntag hörbar schwer zu verbergen, wie sehr sie ihre Niederlage am Sonnabend im Kampf um die Berliner Bundestagsmandate der Grünen getroffen haben muss. Auf die Frage, wie es ihr gehe, beschied sie am Telefon knapp: "Das geht niemanden etwas an." Es sei ja von vornherein klar gewesen, dass es bei drei Bewerbern um den aussichtsreichen Platz 2 auf der Landesliste zwei Unterlegene geben würde. Und der nun gewählte Werner Schulz sei zusammen mit Renate Künast auf Listenplatz 1 "eine sehr, sehr gute Kombination für diesen Landesverband".

So hatte es am Samstagabend bei der Vollversammlung der Berliner Bündnisgrünen auch Verbraucherministerin Künast gesagt: "Ich und Werner, wir sind ein Dreamteam." Der gebürtige Sachse Schulz konnte sich im zweiten Wahlgang deutlich gegen den prominenten Linken Hans-Christian Ströbele durchsetzen. Die Gesundheitspolitikerin und Ex-Ministerin Andrea Fischer war bereits im ersten Durchgang rausgeflogen. Sie soll den Tränen nahe gewesen sein, sagen Beobachter. Später unterlag sie gegen Franziska Eichstädt-Bohlig auch im Kampf um (den Nachrücker-)Platz 3. Wegen der Verkleinerung des Bundestages können die Berliner Bündnisgrünen nur noch mit zwei Mandaten rechnen, wenn das Ergebnis in etwa dem von 1998 entspricht.

Ströbele erklärte, er sei "persönlich und politisch enttäuscht". Möglicherweise wird er sich um ein Direktmandat im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg bewerben. Andrea Fischer sagte am Sonntag, sie werde ihre politische Arbeit fortsetzen. Nur eben nach zwei Legislaturperioden nicht mehr im Bundestag. Auch im Wahlkampf werde sie sich engagieren.

Michael Cramer, Verkehrsexperte der Berliner Grünen, der auf den bedeutungslosen Listenplatz 4 gewählt wurde, erklärte den unerwarteten Erfolg von Schulz vor allem mit der großartigen Rede, die dieser gehalten habe: "inhaltlich gut, dazu witzig, kämpferisch und optimistisch". Viele Mitglieder, die eigentlich für Ströbele oder Fischer stimmen wollten, habe Schulz so auf seine Seite gezogen.

Eine Rolle spielten daneben auch die Themenfelder, für die die Bewerber standen: Schulz für den Osten, Ströbele für die Opposition gegen Bundeswehr- und Nato-Einsätze, Fischer für Sozial- und Biopolitik, Eichstädt-Bohlig für Ökologie. Da habe der Osten eben am besten gestochen, meint Till Heyer-Stuffer, der Landesvorsitzende. "Die Zukunft der Partei hängt doch auch daran, wie wir uns in den neuen Ländern etablieren." Auch Rot-Rot und der Ärger über den Alleinvertretungsanspruch der PDS für den Osten sei Schulz zugute gekommen. Cramer vermutet zudem, dass eine Art schlechtes Gewissen der Grünen sie für Schulz eingenommen hätten: weil sie als Ost-West-Verband beim letzten Mal nur Wessis in den Bundestag geschickt haben.

Eine Richtungsänderung des traditionell als links geltenden Landesverbandes möchte Heyer-Stuffer in den Wahlergebnissen nicht erkennen. Es sei vielmehr nun erst recht Aufgabe des Landesvorstands, darauf zu achten, dass sowohl die Personen als auch die von ihnen vertretenen Positionen in der Partei weiter eine Rolle spielten und ebenso im kommenden Wahlkampf.

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