Berlin : Die guten Gastgeber

Berlin hat sich einen Ruf als Sportmetropole erarbeitet. Die nächsten Groß-Events kommen im Sommer

André Görke

Am Anfang konnte keine Rede sein von Hunderttausenden Zuschauern am Straßenrand. Am 13. Oktober 1974 sahen nur die Wildschweine zu, als im Grunewald 276 Läufer teilnahmen am 1. Berlin-Marathon – auf holprigen Wegen neben der Avus. Niemand ahnte, dass das Ereignis viele Jahre später der Lauf-Event werden würde, alljährlich eine krachende Party auf den Hauptstraßen der Stadt. Eine, die weltweit für Renommee sorgen würde.

Fast ein Vierteljahrhundert später gehört das Marathon-Wochenende zu den wichtigsten Veranstaltungen der Tourismusbranche. Eine Million Menschen feiern an der Strecke mit und feuern die 50 000 Sportler an, die sich durch die Stadt kämpfen. Die wenigsten der Marathon-Begeisterten stammen aus Berlin – nur 6000. Alle anderen reisen mit der Familie an und sind ein Wirtschaftsfaktor für die Stadt: Sie geben hier ihr Geld aus.

Berlin hat sich einen Ruf als Sportmetropole erarbeitet – weltweit. Den will man nicht mehr verlieren. In einem Strategiepapier hat der Senat begonnen, Events aufzulisten, die sich für die Stadt lohnen könnten, wirtschaftlich und als Imagefaktor. Die Politiker wollen spektakuläre Sportveranstaltungen in die Stadt holen, sie wollen am Bild vom dynamischen, bewegten Berlin arbeiten. Urig, gemütlich, deutsch – das taugt vielleicht für München. Berlin verkauft sich auch sportlich bestens.

Die Sport-Events in diesem Sommer sind folgende: In dieser Woche trifft sich die Tennis-Elite bei den „German Open“ in Grunewald. Tausende Zuschauer werden noch bis Sonntag zu den Tennisplätzen pilgern wie bei einem fröhlichen Klassenausflug (auch wenn das Wetter nicht so recht mitspielt).

Gut zwei Wochen später, am 26. Mai, feiern 74 000 Fans, von denen nur wenige aus Berlin kommen werden, beim Pokalendspiel des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), das traditionell im Olympiastadion ausgetragen wird. Und im Juli findet eine Woche lang der Grand Slam im Beachvolleyball statt, in provisorischen Stadien vor spektakulärer Kulisse: zwischen Regierungsviertel und neuem Hauptbahnhof. Es werden Bilder sein, die – wie es die Fußball-WM bewiesen hat – später Touristen in die Stadt locken. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) weist in ihren Studien auf eine Auswirkung der WM hin. Mehr als 2000 Berliner hätten durch den Zulauf von Besuchern ihren Job behalten, immerhin.

Sportsenator Ehrhart Körting (SPD) sieht es daher als „Empfehlung und Verpflichtung“ an, sich für die Olympischen Spiele einzusetzen. Hinter den Kulissen wird seit Monaten daran gearbeitet. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit ist bereits mehrmals beim Internationalen Olympischen Komitee vorstellig geworden. Vor 2024 dürften die Spiele allerdings nicht nach Europa vergeben werden. 2012 sind sie schon für London gebucht. Im Senat kennen sie diese These, dennoch müsse man sich als Stadt „früh, engagiert und energisch“ zu Wort melden, um später eine Chance als Ausrichter zu haben. Die Anfangsbemühungen für die Fußball-WM 2006 begannen übrigens auch schon 1992.

In keiner anderen Stadt gibt es so viel Spitzensport. 141 Bundesligisten – so der Senat in einer Studie – spielen in Berlin, die populärsten sind die Fußballer von Hertha BSC, die Basketballer von Alba Berlin oder auch die Eishockey-Spieler der Eisbären. Jene planen, mit dem Investor Anschutz im Rücken, Großes: Am Ostbahnhof entsteht nicht nur eine der größten und modernsten Sportarenen Europas, sondern gleich ein neues Quartier.

Auch nördlich des Olympiastadions, im riesigen Olympiapark, soll der Sport treibende Kraft sein. Nicht ohne Grund hat der Senat das Areal vor einigen Wochen dem DFB angeboten, um dort sein neues Museum zu errichten. Die Einrichtung könnte den Olympiapark beleben; außerdem gibt es Überlegungen, das Olympiabad zum Wellnesszentrum auszubauen.

Im Olympiapark findet dann 2009 auch das angeblich drittgrößte Sportereignis der Welt statt – nach den Olympischen Spielen und der Fußball-WM der Männer: An neun Tagen im August 2009 stehen die Leichathletik-Weltmeisterschaften an, diverse Wettkämpfe werden dann auch in Berlin ausgetragen. Folge: Straßen werden saniert, Fahnen angefertigt, vielen wird zu neuen Jobs verholfen, zumindest hilft das Ereignis, sie zu sichern.

Sportveranstaltungen seien Starthilfen für den Konjunkturmotor, haben Manager bei WM-Wirtschaftsgipfeln gesagt. Das sei nicht so gut wie die Ansiedlung von Firmen, „aber Berlin hält sich so permanent als lebendige Stadt im Gespräch“. Das Eröffnungsspiel der überraschend euphorischen Handball-WM fand natürlich auch in Berlin statt.

Die Bilderflut rollt weiter. Bald findet das alljährliche Sechstagerennen im Velodrom statt, im Frühjahr reisen die Spitzen-Eisschnellläufer zur WM an, 2008 findet erstmals die WM der Rettungsschwimmer statt. Und schaut man in das Papier „Laufende Akquisitionsbemühung“, so sind da ein paar weitere Events aufgelistet: Die WM 2008 im Tanzen etwa oder die Bewerbung um ein Finale der Champions League. Ehrhart Körting hat die Stadt auch als Austragungsort für die Frauen- Fußball-WM 2011 ins Gespräch gebracht. Heute fällt die Entscheidung, ob das Olympiastadion zu den auserwählten Stadien gehört . André Görke

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