Berlin : Die Guten ins Tönnchen

Elektrogeräte, Spielzeug, Metall, Kunststoff, Textilien, Holz: Gesammelt wird, was Geld bringt.

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Begehrter Behälter. Nach Auskunft der BSR haben eine halbe Million Berliner Haushalte eine Orange Box.
Begehrter Behälter. Nach Auskunft der BSR haben eine halbe Million Berliner Haushalte eine Orange Box.Foto: dpa

Vieles von dem, was die meisten Durchschnittsbürger für Müll halten, nennen Fachleute „Wertstoff“. Dazu gehören durchlöcherte Socken ebenso wie der kaputte Rasierapparat mit seinen Innereien aus wertvollem Kupfer oder auch der angeknackste Wassereimer, der so viel Plastik enthält wie hundert Joghurtbecher. All das soll nach dem Willen der Politik nicht länger in der Restmülltonne landen und somit unsortiert verbrannt werden. Bei manchen dieser Reste trifft der politische Wille auf wirtschaftliches Interesse: Dank steigender Rohstoffpreise lässt sich manches zu so viel Geld machen, dass sich Recycling lohnt.

In Berlin haben das die landeseigene BSR und der private Alba-Konzern erkannt – und Wertstofftonnen aufgestellt: Alba die „Gelbe Tonne plus“, die BSR die „Orange Box“. Beide sind noch neu, und bundesweite Regelungen zum Thema sind noch in Arbeit. Vorerst darf Alba keine weiteren gelben Plus-Tonnen aufstellen. Allerdings sammelt der Konzern auf anderen Wegen Wertstoffe. Neuestes Projekt ist eine Kooperation mit der Post: Unter www.electroreturn.de lässt sich ein Formular herunterladen, mit dem ausgediente Handys, Druckerpatronen, MP3-Player und Kameras portofrei zum Recycling geschickt werden können. Nach Auskunft der BSR haben inzwischen rund eine halbe Million Berliner Haushalte eine Orange Box. Ein paar Dutzend stehen auch auf öffentlichem Straßenland und Recyclinghöfen. Ihr Inhalt – kleine Elektrogeräte, Spielzeug, Metall, Kunststoff, Textilien, Holz – landet zunächst in einem Gewerbegebiet am Teltowkanal in Köpenick: Müllwagen kippen das Durcheinander in einer Halle der Entsorgungsfirma Otto-Rüdiger Schulze ab. Ein Radlader schaufelt es auf ein Fließband, das den Müll in einen auf Stelzen stehenden Containerraum befördert. Dort stehen ein knappes Dutzend Arbeiter, die sich routiniert einzelne Teile greifen und, je nach Material, in unterschiedliche Schächte werfen. So wachsen am Hallenboden unter dem Container die Berge der verschiedenen „Fraktionen“, wie die Inhaltsstoffe genannt werden.

Was wie verwertet wird, hängt von den Rohstoffpreisen ab: Holz lässt sich dank vieler Biomassekraftwerke in Berlin leicht als Brennstoff loswerden. Was nicht lackiert ist, nehmen Spanplattenwerke. Die Socken und andere Alttextilien ergäben zwar gutes Dämmmaterial, aber mangels Nachfrage werden auch sie zurzeit verbrannt. Peter Schröder, Prokurist der Entsorgungsfirma, sieht die Recycling-Begeisterung mancher Bürger und Umweltverbände skeptisch: Theoretisch lasse sich fast alles aufbereiten, aber praktisch könne das sinnlos viel Energie und Aufwand kosten.

Oft liegt die Wahrheit in der Mitte – etwa bei den kleinen Elektrogeräten, die einen der größeren Haufen unter dem Sortiercontainer bilden. Sie werden zu Spezialfirmen gebracht, die sie zerkleinern. Anschließend lässt sich ein Teil der in ihnen steckenden Metalle wiederverwenden.

Der kaputte Eimer dagegen steht für die „stoffgleichen Nichtverpackungen“: Sein Material gleicht dem Joghurtbecher, aber in die Gelbe Tonne darf er nicht. Die Orange Box eröffnet ihm die Chance auf ein neues Leben: „Stoffliche Verwertung“ heißt das im Fachjargon. Eine Alternative wäre die „thermische Verwertung“, wie die Verbrennung zum Ärger von Umweltverbänden genannt wird. Aber dafür ist der erdölbasierte, sortierte Kunststoff zu schade. Stefan Jacobs

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