Berlin : Die Hand Gottes

Kirchen nutzen die Halbzeitpausen für Andachten

Anne Haeming

In der Gedächtniskirche beginnt die Halbzeit vor dem Anpfiff. 15 Minuten Andacht, jeden Tag, Nachdenken über Fußball. „Half-time devotions“, erklärt der Pfarrer den Fans aus dem Ausland. Er steht vor dem Altar und hebt die Arme: „Jeder von uns braucht eine zentrale Anspielfigur“, sagt er. „Hier bei uns gibt es kein Ticketproblem.“ Viele sind nicht gekommen. Die Orgel setzt ein.

Hier wird Ralph Napirski später vorbeischauen – wenn wirklich Halbzeitpause ist. Der 33-Jährige gehört zum Berliner Team von „kickoff 2006“, einer Initiative, die Kirchengemeinden in ganz Deutschland zu Aktionen während der Fußball-WM überredet hat. Die Gedächtniskirche gehört auch dazu. Noch sitzt Napirski aber im Pfarrsaal von St. Matthias in Schöneberg. Zur Nationalhymne rückt die Pfarrjugend den Beamer auf dem altertümlichen Holzständer zurecht und probiert die polnisch-deutsch dekorierte Zapfanlage aus. „Fußball hat religiösen Charakter“, flüstert Napirski. „Es ist ja schon fast ein spirituelles Ereignis!“ Schließlich hat auch Diego Maradona einst für sein berühmtes Tor mit Nachhilfe die „Hand Gottes“ reklamiert.

Der Pfarrsaal ist kirchenkühl, dunkel, die Bänke füllen sich noch. Vor dem Poster mit der deutschen Elf begrüßt Kaplan Matthias Goy leise die Zuspätgekommenen mit einem Händedruck – das alte Ehepaar, die jungen Rastaträger, die Familie mit Kindern. Kaplan Goy steht am Rande des Geschehens wie ein Klinsmann-Double: schwarze Jeans, weißes Hemd, die Ärmel bis zum Ellenbogen hochgekrempelt. Er hat den 20-jährigen Alexander Gwizdala von der Pfarrjugend im Blick, der im roten Polentrikot hinterm Tresen steht, Cola ausschenkt und meint: „Religion ist Religion und Fußball ist Fußball“. Er sieht seinen Chef, Gemeindepfarrer und Bayern München-Fan Edgar Kotzur, der beim Thema Fußball und Religion nur abwinkt, aber bei jedem Tor aufspringt und schreiend die geballten Fäuste gen Himmel reckt. Und er sieht Jesus am Kreuz.

Zur Halbzeitpause ist der Kaplan verschwunden. Für die Speisung der 30 mit Knackwürsten und Kartoffelsalat hat er keine Zeit, er muss rüber in die Kirche, zur Abendmesse. Ein paar Fans huschen hinterher, ein paar Nachzügler tauchen auf.

Anne Ulmke ist eine von ihnen. Sie ist neu in der Gemeinde, alle ihre Freunde sind verreist, einen Fernseher hat sie nicht. „Ich werde gerade katholisch“, erzählt sie und stellt das Bierglas vor sich in den Mittelfeldkreis, der auf die Tischdecke gedruckt ist. Die 25-Jährige ist aus Dortmund und stand jahrelang mit betrunkenen Männern in der Schalker Fan-Kurve. „Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Sportler und Betende in Trance die gleichen Gehirnströme haben“, sagt sie.

Der Auswechselspieler bekreuzigt sich, es fällt noch ein Tor. Pfarrer Kotzur hustet trocken und murmelt auch bei der vierten Zeitlupe: „Nee, den konnte er nicht kriegen.“ Es sind noch 40 Sekunden zu spielen. Der Schiedsrichter pfeift ab. Die Stereoanlage im Kirchensaal spielt die Toten Hosen: „Wir werden Weltmeister“. Derweil ist Ralph Napirski längst auf dem Weg durch seine Berliner Fußballgemeinden.

Mehr Infos über die WM-Veranstaltungen der Kirchen: www.kickoff-berlin.de, www.wm-gucken.de

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