Berlin : Die Handschmeichlerin

Schmuck soll auch ein Erlebnis für die Fingerkuppen sein, ein reizvolles Spiel mit Oberflächen. Glatter Edelstein, raues Metall – Goldschmiedin Judith Semper hat das Gespür für Struktur.

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Golden Girl. Judith Semper ist Goldschmiedemeisterin mit eigener Laden-Werkstatt in Charlottenburg. Ihre Schmuckstücke sind nicht nur schön anzusehen, sie fühlen sich auch gut an – jedes ein haptisches Erlebnis. Fingerspitzengefühl braucht sie in ihrem Beruf ohnehin. Fotos: Thilo Rückeis
Golden Girl. Judith Semper ist Goldschmiedemeisterin mit eigener Laden-Werkstatt in Charlottenburg. Ihre Schmuckstücke sind nicht...

Sie hat unruhige Hände. Ständig greift sie, während sie spricht, nach etwas auf dem Tisch, einem Edelstein, einem Werkzeug, einer Wachsform, dreht das Ding zwischen den Fingern, streicht mit den Fingerkuppen darüber. Im Winter trägt sie nicht gern Handschuhe, lieber Pullover mit sehr langen Ärmeln, damit die Finger ihre Freiheit behalten. Sie hat ein Auge für Schönes. Als Kind, sagt ihre Mutter, habe die Tochter das Essen auf dem Teller designt, aber es dann mit den Händen angefasst. Klingt, als habe Judith Semper den perfekten Beruf gefunden: Goldschmiedemeisterin, „staatlich geprüfter Gestalter in der Edelmetallverarbeitung“. Eines ihrer wichtigsten Werkzeuge ist der Tastsinn, das Gespür für Struktur. So fand sie ihre spezielle Note: Schmuck als Handschmeichler.

Man darf das nicht falsch verstehen, glatt poliert ist bei Judith Semper selten etwas. Das muss sie zeigen: Immer neue, noch unfertige Ringe holt sie von der Werkbank hinterm Tresen, andere, perfekt inszenierte, aus Vitrinen und Schaufenstern. 15 000 Euro Anschauungsmaterial liegen schnell vor ihr auf dem Tisch, und sie sagt: „Ein Ring soll ein beruhigender Begleiter sei. Er ist einfach da, er erdet.“ Judith Semper trägt immer einen. Ihr heutiger „kleiner Begleiter“ schließt auf dem Mittelfinger mit einem Rechteck aus Mammut-Elfenbein ab, einem Material, das einmal pro Jahr aus der Eisschmelze Sibiriens geerntet wird. Poliert fühlt es sich weich an und warm. Daneben eine Mammut-Zahnscheibe: Das Auge erkennt eine gotische Struktur, die Fingerkuppe spürt das Schachbrettmuster.

Das Spiel mit der Oberfläche macht der 41-Jährigen Spaß. Manchmal belässt sie ein abgesägtes, ein frisch gegossenes Stück fast, wie es ist. Wenn die Form in grünem Goldschmiedewachs vollendet, das Positiv in Gips gebettet ist, das Wachs ausgeschmolzen wird und das Edelmetall hineinfließt, entsteht ein Gusskanal. Manchmal sitzt der so perfekt, dass er, ein wenig gefeilt, von Judith einen kleinen Stein als Krönung erhält. Auf einen sieben Millimeter breiten Silberring etwa schmiedet sie außen rosé Gold in starker Wölbung, gibt ihm mit dem Strukturhammer winzige Dellen mit und gönnt dem Edelmetall gefasste braune Diamanten. Kupferoberflächen lässt sie häufig korrodieren, das ergibt Grünspan, schön rau, dazu passt als Edelstein etwa ein blauer Tansanit. Aufs geschwärzte Silber setzt sie als kleinen Störer einen tropfenförmigen Diamanten seitlich unter die kreisrunde, polierte, alte Koralle, die wie ein roter, gewölbter Deckel auf einem Döschen wirkt.

Nie darf ein Ring ins Fleisch drücken, sagt Judith Semper. Er muss da sein, spürbar, aber ein selbstverständlicher Teil der Hand. Und er muss einem fehlen, wenn man ihn nicht trägt. Sie fummelt so lange an der Wachsform, bis das Rund wirklich sitzt.

Die Innenseite braucht nicht geschliffen sein. Ein Ehepaar, Bootsbesitzer, bekam von ihr auf Wunsch Eheringe mit innerem Relief: Bei ihm steht „Backbord“, bei ihr „Steuerbord“.

Unkonventionell verfährt sie auch bei Ohrringen, bevorzugt Hänger, über die die Finger beim Grübeln so beruhigend streichen können. Selten gleicht das linke Stück dem rechten. Die schwarzen Kiesel, auf Lanzarote gefunden, bleiben auch am Ohr unegal: einer rund, einer oval.

Ihr Beruf, sagt sie, habe etwas Meditatives: bearbeiten und dann wieder tasten. „Ich kann mich immer noch hineinfallen lassen nach all den Jahren, nicht denken, mich nicht festbeißen.“ Dieses Erlebnis gönnt sie auch Laien: Regelmäßig bietet sie Kurse an. Seit acht Jahren ist sie selbstständig, ihren Traum vom eigenen Geschäft mit Werkstatt hat sie Mitte letzten Jahres verwirklicht, in der Leonhardtstraße 14, nah am Lietzensee. Ein Laden wie ein Theater, mit Schmuckstücken in einem Bühnenbild. Und wenn draußen eine Kundin vorbeiläuft, den Arm mit der beringten Hand hebt und ruft: „Den leg’ ich nicht mehr ab“, ist das Judith Sempers Applaus.

www.goldschmiede-berlin-semper.de

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