Berlin : Die Handy-Zünder waren schon vorbereitet

Tunesier soll in Berlin einen Anschlag nach dem Muster von Madrid geplant haben. Prozess gegen Ex-Ausbilder von Al Qaida beginnt nach Ostern

Frank Jansen

Berlin ist zu Beginn des Irak-Krieges vor einem Jahr womöglich nur um Stunden einem Anschlag entgangen, der wie in Madrid zahlreiche Todesopfer gefordert hätte. Am Nachmittag des 20. März 2003 wurde in Charlottenburg der Tunesier Ihsan G. festgenommen, der nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden für den Abend ein Selbstmordattentat bei einer Friedensdemonstration geplant haben könnte. In Sicherheitskreisen heißt es, ein Freund des Tunesiers habe am 15. März in der Neuköllner Al-Nur-Moschee geäußert, „während der Demo zum Tag X, die ja 18 Uhr stattfinden wird, wird jemand etwas im Namen Gottes tun, weil dieser sein Leben für Gott geben will“. Die Friedensbewegung hatte für den „Tag X“, den Beginn des Irak-Krieges, zu Protesten aufgerufen.

Am 20. März war es so weit: Um 18 Uhr versammelten sich 70000 Menschen auf dem Alexanderplatz, um gegen den in der Nacht von der US-Armee gestarteten Angriff auf den Irak zu demonstrieren. Möglicherweise habe Ihsan G. aber auch in Berlin oder einer anderen deutschen Stadt eine jüdische oder amerikanische Einrichtung attackieren wollen, sagt ein Experte.

Generalbundesanwalt Kay Nehm hat im Januar, wie berichtet, Ihsan G. angeklagt. Dem 33-Jährigen werden die versuchte Bildung einer terroristischen Vereinigung und weitere Delikte vorgeworfen. Das Kammergericht ließ die Anklage am 5. März zu, vermutlich beginnt nach Ostern der Prozess. Ihsan G. bestreitet, einen Anschlag geplant zu haben.

Die Sicherheitsbehörden halten jedoch die Indizien für erdrückend. Ähnlich wie die Attentäter von Madrid habe Ihsan G. präparierte Mobiltelefone beschafft, über die ein Sprengsatz gezündet werden kann. Bei einem Apparat soll es sich um ein Mobiltelefon der Marke Motorola gehandelt haben. Die spanische Polizei fand in einer mit Sprengstoff gefüllten Tasche, die vergangene Woche nicht explodiert war, auch ein Motorola-Handy. Zusammen mit 12,2 Kilogramm Dynamit sowie einem Kilogramm Nägel und Metallteilen, die bei einer Detonation als Splitter umherfliegen sollten.

Die Sicherheitsbehörden wissen allerdings nicht, ob es eine Verbindung zwischen Ihsan G. und den marokkanischen Tatverdächtigen der Madrider Anschläge gibt. Es ließ sich auch nicht ermitteln, was der seit 1998 in Berlin lebende Ihsan G. im Detail geplant hat. Der Tunesier habe sich vermutlich von April 2001 bis November 2002 in Afghanistan aufgehalten und sei dort mit Osama bin Laden zusammengetroffen, sagt ein Experte. Ihsan G. habe sich im Umgang mit Waffen und Sprengstoff trainieren lassen und offenbar so geschickt angestellt, dass er zum Ausbilder in einem Terrorcamp aufgestiegen sei. Ein Al-Qaida-Führer – wer, ist unklar – habe dann Ihsan G. beauftragt, in der Bundesrepublik Anschläge zu verüben.

Der Tunesier soll Ende 2002 über Pakistan nach Südafrika gereist sein. Dort habe er sich Schaltpläne für Zündauslösevorrichtungen und ein Fernglas mit integrierter Digitalkamera besorgt. Im Januar 2003 sei er nach Berlin zurückgekehrt. Dann habe er begonnen, im Fitnessraum der Al-Nur-Moschee junge Islamisten für Anschläge zu trainieren. Gegen den damaligen Imam der Moschee und die mutmaßlichen Kumpane von Ihsan G. ermittelt der Generalbundesanwalt.

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