Berlin : „Die Hauptstadt der Zweitwohnsitze“

Deutsche Nationalstiftung diskutierte in Hamburg über die Rolle Berlins.

Günter Beling

Und plötzlich ist es passiert. Berlin, „die Hauptstadt der DDR“, sagt Richard Schröder und korrigiert sich lächelnd: „des vereinigten Deutschlands“. Der Versprecher während seines Vortrags zur Rolle Berlins vor der Deutschen Nationalstiftung zeigte, wie frisch die Geschichte der geteilten Stadt noch ist. Auch in anderen Redebeiträgen in der Bucerius Law School in Hamburg, in denen unter anderem von der Hauptstadt als „Bühne der Nation“ gesprochen wurde, war die Vergangenheit Berlins immer präsent.

Bei der Diskussion um die Rolle Berlins geht es ums Geld – aber nicht nur. Andere Völker bräuchten nicht zu lernen, was eine Hauptstadt ist, sagt der Berliner Theologie-Professor Schröder: „Ihre Hauptstadt ist das Herz ihres Landes. Dort zeigt es, was es kann und hat.“ Aber auch Deutschland sei „kein Staatenbund, der irgendwo ein Büro unterhält“. Berlin dürfe im Föderalismus nicht degradiert werden: „Berlin gehört allen Deutschen.“ Deshalb hält Richard Schröder auch nichts von der Parole: „Wir Berliner bestimmen, was die Hauptstadt ausmacht und ihr anderen zahlt.“ Der Länderfinanzausgleich biete aber auch keine Lösung, weil er Berlins Sonderrolle ignoriere: „Eine Hauptstadt am Tropf, dauerhaft in die Rolle eines missliebigen Bittstellers gedrängt, so etwas leistet sich nur Deutschland.“ Schröders Lösung: Die Fusion mit Brandenburg. Nach der dortigen Landtagswahl im Herbst müssten die Politiker das Thema anfassen.

„Die Hauptstadt geht das ganze Land an, die ganze Nation“, sagte Hermann Rudolph, Herausgeber des Tagesspiegel. Länderinteressen müssten dafür zurückgestellt werden. „Die Alternative ist der Bankrott der Hauptstadt.“ Fast der gesamte gesellschaftlich-politische Überbau habe sich in Berlin eingerichtet – aber das Geld werde woanders verdient und Steuern woanders gezahlt: „Berlin ist die Hauptstadt der Zweitwohnsitze.“

Hamburgs Ex-Bürgermeister Ortwin Runde plädiert für den kompletten Umzug der Bundesregierung an die Spree. Er mahnte zugleich, Berlin müsse psychologisch einfühlsam agieren, denn es gebe zwischen Oder und Ruhrpott auch andere Problemgebiete: „Berlin ist nicht die einzige Arme, Benachteiligte und mühselig Beladene.“ Die alten Kennedy-Mythen taugen nichts mehr, nötig sei eine neue Berliner „Corporate Identity“. Regierungs- und Parlamentssitz „plus X“ sei die Hauptstadt: „Was aber ist nun X?“ Hausaufgaben machen, Stück für Stück, fordert Runde: Kurze Wege und eine neue Mentalität in der Verwaltung, neue Einnahmequellen erschließen, den Flughafen Berlin-Brandenburg und ein Innovationszentrum für Bahnverkehr schaffen, Kultur, Wissenschaft und Tourismus fördern, und, ja, „Tor zur Welt“ sein. Gut funktionieren müsse die Hauptstadt: „Das Leben ist nicht nur eine einzige Party.“

Der frühere sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf erinnerte an die begrenzte Zeit für eine Fusion: Entweder versuchten es Berlin und Brandenburg bis 2006 noch einmal – oder sie blasen sie ab. Bis dahin müsse auch geklärt sein, was aus der auslaufenden EU-Hilfe für den Osten wird. Und 2005 müsse der Solidarpakt 2 stehen: „Ohne Bewältigung der Vergangenheitslasten hat Berlin keine Chance, sich zu entwickeln.“

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar