Berlin : Die Heimkehr des letzten Tiller-Girls

Marga Behrends tanzte schon in den Zwanziger Jahren im Admiralspalast Zur Neueröffnung will die 98-Jährige dort wieder auf der Bühne stehen

Ralph Gerstenberg

Der „Admi“ hatte es ihr angetan. So nennt die 98-jährige Marga Behrends heute noch liebevoll den Admiralspalast in der Friedrichstraße. Mit sechzehn ist sie dort Tänzerin geworden. „Ich war eine ganz Wilde“, erzählt die alte Diva mit leuchtenden Augen. „Ich wollte von den Menschen gesehen werden.“

Eines Tages las sie in einer Anzeige, dass im Admiralspalast Tänzerinnen gesucht wurden. Das Gebäude war gerade von einem Eisvarieté zu einem Revuetheater umgebaut worden. Hermann Haller feierte dort mit der Aufführung „Drunter und Drüber“, für die Walter Kollo die Musik geschrieben hat, einen großen Erfolg. Nun sollten die „Tiller-Girls“ zusammengestellt werden, eine zirka dreißigköpfige Balletttruppe, bestehend aus knabenhaften, leicht bekleideten Frauen, die ihre langen Beine synchron im Takt der schmissigen Schlager schwenkten. Marga Behrends entsprach mit ihrer kecken einnehmenden Art genau dem Bild der selbstbewussten jungen Frau im Berlin der 20er Jahre. „Die hatten mich noch gar nicht tanzen gesehen, aber ich selber habe ihnen gefallen.“

Nur die Genehmigung der Eltern, die sie als 16-Jährige für eine Beschäftigung am Theater brauchte, war ein Problem. Margas Vater war als Sittenpolizist „Bulle Emil“ im Scheunenviertel auf Streife, um die Prostituierten vom Straßenstrich zu vertreiben. Niemals hätte er seiner Tochter erlaubt, beim „Tingeltangel“ mitzumachen.

Doch Marga Behrends schaffte es auch ohne elterliche Einwilligung auf die Bühne des Admiralspalastes. „Ich habe mich richtig aufgedrängt. Ich wollte da hin. Und das habe ich geschafft. Ich bin zwar keine Berühmtheit geworden, aber ich war dabei!“ Nachdem sie von einem Werbefotografen an einer Kartoffelpufferbude neben dem Bahnhof Friedrichstraße – einem beliebten Treffpunkt der Tänzerinnen – fotografiert worden war und das Bild wenige Wochen später als Werbeplakat in ganz Berlin auftauchte, schlug „Bulle Emil“ zwar Alarm. Aber seine Tochter vom „Admi“ fernzuhalten, sollte ihm nicht gelingen. Und am Ende saß er mit stolz geschwellter Brust im Publikum, als sie dort tanzte.

Für Marga Behrends waren die Goldenen Zwanziger eine wunderschöne Zeit. Mit Marlene Dietrich, die damals noch niemand kannte, bummelte sie über den Ku’damm, den neuesten Theatertratsch berichtete sie regelmäßig dem neugierigen Paul Lincke beim Frühstück im „Café Vaterland“ und mit Hans Albers genehmigte sie sich manchmal einen Schluck im „Uhland-Eck“ – bis ihr Ehemann dem blonden Hans die feuchtfröhlichen Treffen mit seiner Frau untersagte.

Ihr Mann war es auch, der Marga schließlich die Auftritte im Admiralspalast verbot. Doch dessen Jahre als Revuetheater gingen ohnehin zu Ende. 1933 wurde er geschlossen und 1935 als Operettenbühne wiedereröffnet. 1946 fand hier der Vereinigungsparteitag von KPD und SPD zur SED statt, und mit der Premiere der „Fledermaus“ begann 1955 die Ära des Metropol-Theaters als Haus der leichten Muse.

Marga Behrends brachte derweil amerikanischen GI’s auf der Insel Borkum das Tanzen bei, betrieb mit ihrem Mann das „I-Punkt-Café“ im Europa-Center und spielte immer wieder kleine Rollen in Filmen und Fernsehserien. Seit Jahren tritt sie mit einem Pianisten oder der Band „Rachelina und die Maccheronis“ als Sängerin auf und ist als lebende Legende ein gefragter Gast in Talkshows. Die Stätte aber, an der ihre Karriere begann, wurde 1997 wegen Insolvenz geschlossen.

Wechselnde Investoren interessierten sich für das Grundstück, bis der Eventmanager und Arena-Chef Falk Walter mit seinen Partnern den Gebäudekomplex übernahm. Walter will konzeptionell wieder an dessen große Zeit in den 20er Jahren anknüpfen. Wenn alles gut geht und das Bezirksamt Mitte den Umbau abnimmt, soll das Haus – wie berichtet – am kommenden Freitag unter dem alten Namen wieder aufmachen.

Und zur feierlichen Wiedereröffnung wird selbstverständlich auch Marga Behrends auftreten, das letzte Tiller-Girl, und mit krächzendem Berliner Charme Gassenhauer aus einer Zeit, lange vor der Erfindung des Feminismus, zum Besten geben: „Frauen haben keine Seele / Lasst euch nicht mit ihnen ein / Denn alle Männer sind Kamele / Und fallen immer wieder rein.“

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