Berlin : Die Helden aus dem wahren Leben

Eine Doku-Serie porträtiert Menschen aus deutschen Kiezen. Ab heute ist die Husemannstraße an der Reihe

Thomas Loy

Hausmeister Zeitlow schraubt eine neue Birne ein, die Zwillingsschwestern vom Blumenladen finden keinen Parkplatz, im Kindermoden-Geschäft „Fräulein Loretta“ herrscht Erziehungsnotstand, und Viola Malici vom… Halt, Stopp, Violas Geschichte ist erst in der zweiten Folge dran. „Unsere Straße“ heißt die neue Doku-Serie auf Pro7, ab dem heutigen Montag wird eine Woche lang Alltägliches aus der Husemannstraße in Prenzlauer Berg reportiert. Der Sender wolle nach den vielen Soaps endlich mal das „wahre Leben“ zeigen, sagt Stephan Bauer, Pro7-Ressortleiter Information.

Weil im wahren Leben zu viele mürrische, mundfaule und langweilige Menschen herumlaufen, fand ein Casting statt, aus dem sieben „Protagonisten“ der Straße hervorgingen, die vor der Kamera fast so wirken, wie sie sonst auch sind. Ziel der Serie ist, Straßen mit einer funktionierenden Nachbarschaft vorzustellen, Straßen, mit denen sich die Anwohner identifizieren. Die Serienmacher suchten bundesweit, in Berlin stießen sie bisher nur auf zwei: Husemannstraße und Eisenacher Straße in Schöneberg.

Nach dem Casting drehten vier Kamerateams eine Woche lang parallel und begleiteten die Protagonisten durch ihren Alltag. Bei den Zwillingen Irina Zimmermann und Mania Lehniger vom Blumenladen hatten sie es besonders leicht. Die 53-Jährigen sind bekennende Ulknudeln und kalauern sich unverdrossen durchs Leben. Fast jede Pointe ist ungeschnitten sendbar. Dabei müssen die molligen Damen genauso harte Nüsse knacken wie die meisten Bewohner ihrer Straße. Der Laden-Umsatz ist rückläufig. Wenn der Vermieter nicht so entgegenkommend wäre, hätten sie das Geschäft schon lange schließen müssen, erzählt Irina. Viola vom Gemischtwarenladen hat sich schon entschlossen, in die Bernauer Straße umzusiedeln. „Hier ist doch nichts mehr los.“

Die Ladenbesitzer beklagen unisono den Zuzug von gut verdienenden Leuten aus Westdeutschland, vornehmlich aus der Medienbranche. „Die haben hier ihre Wohnungen, sind aber nie da“, sagt Viola. Die „Paradiesvögel“ – Punker, Transen, Ökofundis oder Straßenmusiker – seien wegen der hohen Mieten schon lange aus der Straße verschwunden, sagt Irina. Und zwischen ihren Worten versteckt sich die Angst, dass es ihnen bald genauso gehen könnte. Die gute Nachbarschaft, das Einanderkennen und Miteinanderreden, beschränkt sich nur auf einen Teil der Bewohner. Aber immerhin, in vielen anderen Straßen ist Nachbarschaft völlig ausgestorben.

Die Fernsehmacher waren überrascht, wie selbstverständlich ihre Protagonisten mit der Kamerasituation umgingen. Die Protagonisten indes fanden es schade, dass sie ihre Straße im trüben Winterkleid präsentieren mussten. „Im Sommer sitze ich immer draußen“, sagt Frauke, die eine Boutique betreibt. Die Blumenladen-Schwestern machen das hingegen zu jeder Jahreszeit. Fürs Fernsehen haben sie sich besonders gerne in die Kälte gesetzt.

„Unsere Straße“ läuft montags bis freitags um 14.30 Uhr auf Pro 7. Die Husemannstraße in Prenzlauer Berg ist vom 20. bis 24. März zu sehen, bei der Eisenacher Straße in Schöneberg steht der Sendetermin noch nicht fest.

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