Berlin : Die Hochburg der Alleinerziehenden

Werner Kurzlechner

Könnte das Kinderbad „Platsch“ vielleicht eine Abwechslung sein, die Maxim Spaß macht in der Jahreszeit, in der der Zweijährige keine Mütze mehr braucht? Jacqueline Hinz denkt laut darüber nach, als sie mit ihrem Sohn von der Kita „Zwergenoase“ zum Spielplatz im Bürgerpark Marzahn schlendert. „Aber was kostet eigentlich der Eintritt?“ Die alleinerziehende Mutter ist seit Maxims Geburt arbeitslos. Es ist wie so oft die entscheidende Frage. Zwei Euro kostet das Baden, „geht noch“, befindet Jacqueline Hinz.

Zweierlei fehlt vor allem in jungen Marzahner Familien: Geld und Väter, die sich um ihre Kinder kümmern. Maxims Vater zahlt bislang keinen Unterhalt. Vom Jugendamt erhalten Mutter und Sohn einen Unterhaltszuschuss. „Mehr als zehn Prozent der Alleinerziehenden in Berlin leben in Marzahn-Hellersdorf“, sagt Nora Schmidt vom Berliner Beirat für Familienfragen. Die Mütter aus Marzahn haben meist nur ein Kind und leben oft von Hartz IV. Und sie sind so jung wie nirgends sonst in Berlin: Von den Frauen unter 25 Jahren, die 2007 ein Kind bekamen, waren 38 Prozent aus Marzahn-Hellersdorf. Die 26-jährige Jacqueline Hinz und Maxim sind also typische Bewohner ihres Kiezes.

Typisch auch für die Kita an der Oberweißbachstraße: Etwa 35 Prozent der 190 Kinder würden alleine von ihren Müttern großgezogen, sagt die stellvertretende Kita-Leiterin Monika Herholz. Krippenplätze sind in Teilen Marzahns laut Berliner Familienbericht knapp. Bei Familie Hinz klappte die Suche nach einem Halbtagsplatz für Maxim reibungslos. „Da haben wir Glück gehabt“, sagt die Mutter. Zumal, davon geht sie aus, von der Betreuung ihres Sohnes auch ihre eigene berufliche Perspektive abhängt. Vor Maxims Geburt jobbte Jacqueline Hinz als Kellnerin, vor allem abends. Nachtschichten seien mit einem kleinen Kind nicht mehr zu stemmen, sagt sie. Deshalb sucht sie nach einem Job mit verlässlichen Arbeitszeiten, zum Beispiel in einer Altenheimküche. Falls das irgendwann klappt, würde es an der Betreuungsfrage nicht scheitern. „Maxim könnte dann bis abends in der Kita bleiben, das ließe sich problemlos einrichten“, sagt seine Mutter.

Angekommen am sandigen Spielplatz im Schatten der Bäume spurtet Maxim los, erst zu den Kletterseilen, dann zu den anderen Kindern an der Rutsche. Seine Mutter plaudert mit anderen Eltern. Man kennt sich, denn Kinder und Eltern kommen regelmäßig – auch aus Mangel an Alternativen. „Es wäre schön, wenn es hier mehr Angebote gäbe“, sagt Jacqueline Hinz, die in Hohenschönhausen aufgewachsen ist und nun in Marzahn wohnt. Was fehle, sei ein Treffpunkt für die Eltern und Kinder im Kiez.

Damit spricht sie aus, was viele Marzahner bemängeln: „Keine Café-Kultur“, lautet ein häufig geäußerter Kritikpunkt, den der Familienbericht speziell für Marzahn auflistet. Immerhin stellen in Marzahn mittlerweile diverse Initiativen und Einrichtungen etwas für Familien auf die Beine. Auch die Kita „Zwergenoase“ lädt jeden Donnerstag zum Elternkaffee ein. An die Spitze der Bewegung für mehr Familienfreundlichkeit haben sich vor Ort die Wohnungsbaugenossenschaften gesetzt, weil sie die Folgen der besonderen Marzahner Bevölkerungsentwicklung selbst spüren. „Der Altersdurchschnitt in unseren 4600 Wohnungen liegt bei knapp 59 Jahren“, sagt Robert Scholz, Marketingleiter bei der Genossenschaft Marzahner Tor. Die Marzahner Tor eG strengt sich deshalb an, für junge Familien als Vermieter attraktiver zu werden. Beispielsweise finanzierte die Genossenschaft vor zwei Jahren den Sanitärbereich einer Kita, und eine Vierzimmerwohnung der Genossenschaft wurde zur Kinderkrippe umgebaut. „Die zwölf Plätze sind vergeben“, berichtet Scholz.

Nicht weniger rührig ist die Genossenschaft Fortuna, die unter anderem ein Nachbarschaftszentrum mit Angeboten für junge Familien betreibt. Das Projekt „Hilfe im Alltag“ richtet sich an Senioren. Sie können kostenlos Hilfe beim Staubsaugen, Briefkastenleeren oder Apothekengang in Anspruch nehmen. „Wir machen uns für eine Verbesserung des sozialen Umfeldes stark, weil die Politik das nicht mehr leisten kann“, sagt Heike Vierck von der Fortuna. Künftige Projekte sollen verstärkt auf jüngere Familien zielen.

Ob solche Angebote Jacqueline Hinz und ihren Sohn jemals erreichen, ist fraglich. Sie informiere sich im Internet durchaus über Kiez- und Kinderfeste, sagt die Mutter. Allerdings schaut sie dort eher, was in ihrer alten Heimat Hohenschönhausen los ist. Dort lebt auch ihre Mutter, die gelegentlich auf Maxim aufpasst. „Wenn ich mal etwas mehr Geld habe, ziehe ich wohl dorthin zurück“, sagt Jacqueline Hinz. Bis dahin will sie aus ihrem Leben in Marzahn das Beste machen – und mit Maxim endlich auch mal ins „Platsch“ gehen.

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