• Die holländische Dokumentarfilmern Marijn Frank kämpft gegen ihre Lust auf Fleisch: Blutige Szenen – well done

Die holländische Dokumentarfilmern Marijn Frank kämpft gegen ihre Lust auf Fleisch : Blutige Szenen – well done

Das Publikum liebt das Kulinarische Kino. Bei der 10. Auflage ging es auch um ein höchst aktuelles Thema.

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Das Auge isst mit. Gerade mal 200 Gäste passen ins historische Spiegelzelt, das während der Berlinale gegenüber vom Martin-Gropius-Bau aufgestellt wird. Wegen der begrenzten Platzzahl sind die Veranstaltungen des Kulinarischen Kinos meist nach kurzer Zeit ausverkauft.
Das Auge isst mit. Gerade mal 200 Gäste passen ins historische Spiegelzelt, das während der Berlinale gegenüber vom...Foto: Christian Demarco / Promo

Vielleicht gibt es doch bessere Mittel, verschärfte Fleischlust zu bekämpfen, als die Arbeit auf dem Schlachthof. Sonja Frühsammer versuchte es am späten Mittwochabend mit Verführung. Beim Kulinarischen Kino war sie für das Menü zuständig. Und der Film „Need for Meat“ der holländischen Filmemacherin Marijn Frank hatte sie zu einem vegetarischen Menü inspiriert mit einer malerischen Komposition von Hokkaido-Kürbis, Ziegenkäse und Passionsfrucht als Vorspeise.

Schon zum 10. Mal gibt es das Kulinarische Kino, das Festivalchef Dieter Kosslick erfunden hat. Es gehört zu den erfolgreichsten Publikumssektionen. Die Karten für die Film-Dinner-Veranstaltungen sind immer schon innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Ins Spiegelzelt neben dem Martin-Gropius-Bau passen allerdings auch nur 200 Gäste, außerdem würde es nicht unbedingt zu den teilnehmenden Sterne-Köchen passen, Massenveranstaltungen zu bekochen. Wer Glück hatte beim Kartenkauf, bekam an diesem Abend Gelegenheit, sich mit einem höchst aktuellen Thema auseinanderzusetzen. Die Diskussion zwischen exzessivem Konsum von Billigfleisch und dem veganen Verzicht auf alle tierischen Produkte wird schließlich immer heftiger geführt.

Fleisch ist besser als Sex

Manchem Kritiker kam der Film zwar ein bisschen selbstbezogen vor, aber das steigert eher noch die Nachvollziehbarkeit. Marijn Frank erzählt darin, dass sie in einem vorbildlich makrobiotisch vegetarischen Haushalt groß geworden ist. Und trotzdem oder gerade deswegen kann sie ihre Lust auf Fleisch nicht eindämmen. Groß ist ihr Entsetzen, als eine ärztliche Untersuchung ergibt, dass ihre Fleischlust sogar noch größer ist als die Fleischeslust. Sex rangiert in der Hitliste der Freudenbereiter hinter dem blutigen Steak: Katastrophe! Dabei hat sie doch von früh auf gelernt, dass Fleischgenuss nicht gut ist, und bekommt ihr Problem dennoch nicht in den Griff. Um ihre kleine Tochter Sally vor solchen Abgründen zu bewahren, beginnt sie, heimlich Fleisch zu essen. Ihre Psychotherapeutin schockt sie mit dem Geständnis, Tatar-Sandwiches von der Tankstelle zu verschlingen.

Die von Appetit-Attacken getriebene Protagonistin besucht, um sich zu heilen, eine grausame Hühnerfabrik und heuert schließlich in einem Bio-Schlachthaus an. Aber nichts hilft nachhaltig. Der Fleischgenuss wird mal erotisch, mal archaisch, immer sehr sinnlich dargestellt. Als sie am Ende unter dem Beifall der Schlachter ihre erste Kuh erschießt, ist sie nicht geheilt, aber geläutert.

Unschuld aufgegeben

Die Tochter, deren Unschuld sie eigentlich bewahren wollte, darf danach zum ersten Mal ein Fleischbällchen essen – und lässt dafür prompt das Gemüse liegen. Und Marijn, die sich mit den Schlachtern längst angefreundet hat, kommt zu dem Schluss, dass es wichtig ist, sich beim möglichst maßvollen Fleischgenuss deutlich zu machen, „dass dafür ein Tier sterben musste“. Das ist eine realitätsnahe Schlussfolgerung, die den derzeit auch in Berlin tobenden Vegan-Hype wohl überdauern wird. Obwohl im Film ein Züchter künstlichen Fleisches prophezeit, dass echtes bald gar nicht mehr gegessen wird. Kann man sich schwer vorstellen nach diesem Film.

Freuden pflanzen

„Make Food not War“ ist das Motto der Jubiläumsreihe, in der es auch um die Küche als Ausdruck kultureller Identität geht, als Werkstatt von Freude und Zufriedenheit. Das Kulinarische Kino bringt vor allem Filme, die zu bewussterem Essen anregen. Sterneköchin Sonja Frühsammer hätte sich als Menü zum Film auch gut Fleischbällchen vorstellen können. Stattdessen servierte sie „Geschmorte Gurke, Rote Bete, Meerrettich, Buchweizen, Queller“ als Hauptgang ihres Menüs, dem sie das Motto „Planting Pleasures“ gegeben hatte, also „Freuden pflanzen“. Sonja Frühsammer findet es gar nicht einfach, im Menü auf Fleisch zu verzichten, weil sich danach schließlich alles andere richtet. „Aber es ist ja auch gut, sich mal Gedanken zu machen.“ Ihr Mann Peter Frühsammer war früher ebenfalls Starkoch, hat zudem mal Rinder in Brandenburg gezüchtet und verriet, dass dies nicht ihr einziger Berlinale-Einsatz war. Schon zweimal sei Jury-Präsidentin Meryl Streep bei ihnen im Restaurant gewesen, einmal sogar mit der Jury. Er stellte im Spiegelzelt die Frage: „Wer will noch Fleisch essen?“ Viele Finger gingen hoch. Glücklicherweise war der vegetarische Festivalchef Dieter Kosslick gerade anderweitig beschäftigt.

Kurator Thomas Struck zeigte sich stolz darauf, dass beim Kulinarischen Kino Essen und Film strikt getrennt werden. Es gibt kein Popcorn im Kino, dafür aber immerhin eine nicht unspannende Übertragung des Geschehens in der Küche ins Spiegelzelt. Einige kanadische Gäste zeigten sich begeistert von dem Konzept. Sowieso hat das Kulinarische Kino schon Nachahmer gefunden, zum Beispiel in Polen und Spanien. Vielleicht demnächst auch in Montréal.

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