Berlin : Die Hollywossis

Bis heute fasziniert der Fall der Mauer die nach Berlin pilgernde Filmprominenz.

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Ein bisschen ostalgisch. Die Stars Sigourney Weaver und Clive Owen bei der Verleihung der „Goldenen Kamera“. Foto: dpa Foto: dpa
Ein bisschen ostalgisch. Die Stars Sigourney Weaver und Clive Owen bei der Verleihung der „Goldenen Kamera“. Foto: dpaFoto: dpa

Wenn ein großer Schauspieler wie Al Pacino eine Danksagung spricht, wird daraus schnell eine Miniaturinszenierung. Nachdem er am Samstagabend in der Ullstein-Halle in Kreuzberg die Goldene Kamera für sein Lebenswerk in Empfang genommen hatte, erinnerte er sich an seine schönen Streifzüge durch die Ost-Berliner Museen nach dem Fall der Grenzen, an sein Erstaunen, sogar ins Berliner Rathaus hineinzukommen: „Es gab keine Mauer mehr, und ich habe mir alles genau angeschaut.“ Für einen Moment ließ er in dieser Schilderung das Gefühl von Freiheit und Weite wieder lebendig werden, das damals so überwältigend allgegenwärtig war.

Ostalgie zog sich wie ein roter Faden durch die fast dreistündige Verleihungszeremonie in der Ullstein-Halle, die nur einen kurzen Spaziergang weit weg vom früheren Checkpoint Charlie liegt. Dort fragen noch heute Touristen aus aller Welt immer wieder nach der Mauer und ihrem Fall. Auch fast ein Vierteljahrhundert danach wollen auch die Großen des Films mit ihren Erinnerungen ganz persönlich daran teilhaben.

Nachdem Sigourney Weaver die Gunst der Stunde genutzt hatte, vor einem großen Fernsehpublikum ausgerechnet für den Besuch der „Mutter Courage“ im Berliner Ensemble zu werben, setzte Clive Owen mit historischen Theatererfahrungen noch eins drauf. Vor 25 Jahren sei er zum ersten Mal in die Stadt gekommen, um Shakespeare zu spielen. Am Karl-Marx-Theater in Ost-Berlin sei er wunderbaren Menschen und Künstlern begegnet: „Es war eine großartige Zeit.“ Vielleicht meinte er auch das Maxim-Gorki-Theater und hat es, was bei einem Engländer ja naheliegt, mit anderem Namen gespeichert.

Jedenfalls bekannte sich Woodstock-Legende Joe Cocker darauf gleich dazu, „jede Menge Schiss“ gehabt zu haben, als er 1988 für ein Konzert die Grenze nach Ostdeutschland überqueren musste. Das Publikum der 120 000 Zuhörer hat dem Erfinder der Luftgitarre die Furcht genommen. Als er ein Jahr später in Hamburg nach einem Konzert aufgefordert wurde, den Fernseher einzuschalten und sah, dass gerade die Mauer fiel, hat er nicht lange überlegt: „Wir sind sofort nach Berlin geflogen, um ein kostenloses Konzert zu geben.“

All dies hat dazu geführt, dass „der größte Soul-Sänger aller Zeiten“, wie er in einem eingespielten Filmausschnitt genannt wurde, bekannte: „Ich habe eine große Affinität zu Deutschland und Berlin. Dies ist meine musikalische Heimat.“ Hans-Dietrich Genscher ging in einer bemerkenswert anrührenden Laudatio auf Lebenswerk-Preisträger Dieter Hallervorden über Ost-Berlin hinaus ausführlich auf die Vorzüge Sachsen-Anhalts ein. Er verriet, dass der Preisträger bereits Ehrenbürger von Dessau ist und erzählte aus Zeiten, da niemand je für möglich gehalten hätte, dass es mal so was wie Ostalgie überhaupt geben könnte. Als 17-Jähriger nämlich sollte sich Dieter Hallervorden anlässlich Stalins Tod vor einem leeren Sarg verneigen – und weigerte sich.

Doch, Berlin als eine Stadt ohne Grenzen kam in der Zeremonie auch gelegentlich vor. Stellvertretend noch ein Satz des immer so aufregend mit den Augen rollenden Al Pacino: „Dramatiker, auch aus dieser Stadt, haben mein Leben gerettet, denn ich wollte mir Ausdruck verschaffen.“ Elisabeth Binder

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