Die Hufbereitschaft : Berliner Reiterstaffel im Castor-Einsatz - vor fünf Jahren

Der Castor rollte – und zum sechsten Mal war auch die Reiterstaffel aus dem Grunewald mit dabei. Was Ariane Bemmer darüber schrieb.

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Dienst am Gleis. Sieben Länder haben Reiterstaffeln, bei den Castor-Einsätzen treffen sich Rösser und Reiter. Foto: Kay Nietfeld, dpa
Dienst am Gleis. Sieben Länder haben Reiterstaffeln, bei den Castor-Einsätzen treffen sich Rösser und Reiter. Foto: Kay Nietfeld,...Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Als vorige Woche drei Castorbehälter die Wiederaufbereitungsanlage in La Hague verließen, die Transporte mit Ziel Wendland also langsam in Bewegung kamen, hatten die ersten Polizisten aus Berlin dort längst Quartier bezogen. In Wietzetze, einem Dörflein ohne eigene Postleitzahl, mit 167 Einwohnern und viel Platz, was wichtig ist, denn die Polizisten kamen nicht allein, sie kamen mit acht Pferden. Sie waren die Vorhut der bundespolizeilichen Reiterstaffel, Heimatstall: Koenigsallee, Berlin-Grunewald.

Feuchte Herbstluft wabert über das Gelände, Polizisten in Reitstiefeln lehnen an Treppengeländern, es ist der Donnerstag vergangener Woche, der Hufschmied arbeitet, und es stinkt nach verbranntem Horn. In der Reithalle werden Xaver und Eduard trainiert, denen es noch an Nervenstärke fehlt, weshalb sie in Berlin bleiben. Anders als Thomas Kriwens, Erster Polizeihauptkommissar und Leiter der Reiterstaffel, der dem Training zuschaut und, weil seit Jahren dabei, viel über das „Einsatzmittel Pferd“ und dessen Nutzen bei der „Bewältigung polizeilicher Lagen“ weiß. So reden sie bei der Polizei, Pferdeliebe hin oder her.

Deeskalierend seien Pferde, sagt Kriwens. Weil Menschen die Tiere zwar mögen, aber auch Respekt haben. Oft entwickelten sich über das Pferd Gespräche, was gut sei, denn wer sich unterhält, haut sich nicht. Der Castor-Einsatz sei ideal für Reiterstaffeln, die es in mehreren Bundesländern gibt. Man ist schnell übers Feld galoppiert und hat die Demonstranten, „das polizeiliche Gegenüber“, erreicht, man kann mit Pferden gut Menschenmengen steuern. Einmal hätten sie mit zwölf Pferden 200 Demonstranten von den Gleisen ferngehalten. „Ein Pferd ersetzt bei so einem Einsatz fünf Leute zu Fuß“, sagt Kriwens, der sich darüber hinaus auch auf das Ausreitgelände freut – „besser geht es kaum!“

Das sechste Mal ist die Reiterstaffel im Wendland, auch die Castorgegner haben sich auf sie eingestellt. In der „Blockadefibel“, einer Broschüre für Demonstranten, steht, dass Pferde empfindsam seien, man also deren Reiter nicht beschimpfen solle und auch nicht in die Zügel fassen dürfe.

Die Reiterstaffel, gegründet 1950, hat allerlei Schrumpfkuren überstanden, bevor sie 2002 von Berlin an den Bund überging. 24 Pferde, 31 Reiter, sechs Führungspersonen, fünf Pfleger und der Hufschmied gehören zum Standort Koenigsallee. 2002 waren es noch 45 Pferde und 68 Reiter. Irgendwann steht der Umzug ins brandenburgische Stahnsdorf an. Ein älterer Beamter, der im Büro gerade an der Erstellung des Dreischichtdienstplans verzweifelt, glaubt, dass er den nicht erleben wird.

Eduard dagegen schon. Der braune Wallach ist erst vier. Bis zu 6000 Euro kann die Polizei für ein Tier ausgeben. Sechs Monate dauert die Grundausbildung, dann steht die Tauglichkeitsprüfung an. Das nahe Jaulen der Polizeisirene muss ein Pferd ebenso ertragen, wie ihm aufs Fell rückende Menschenmassen. Eduard muss an diesem Donnerstag über ein luftballongeklebtes Hindernis hüpfen, einen Physioball vor sich herschieben, über zertretene Plastikflaschen gehen und durch eine Gasse aus brennenden Fackeln. Als er das alles gemacht hat, wird er getätschelt von seinem Reiter, der ihn den „Ferrari“ unter den Dienstpferden nennt.

Vielleicht werden die beiden die nächsten zwölf Jahre zusammenbleiben, so lange tun die Pferde im Schnitt Dienst, bevor sie in Rente gehen. Die unter Privatreitern nicht unübliche Deklarierung der Tiere als Schlachtvieh gibt es bei der Polizei nicht. „Das hätten sie nicht verdient“, sagt Kriwens, „dass sie am Ende ihrer Dienstzeit gefressen werden.“ Er ist am Sonntag mit der Nachhut ins Wendland gefahren. Zwölf Pferde und zehn Reiter sind sie jetzt. „Alles ist ruhig“, sagt er am Telefon. Also schön ausreiten? „Es regnet!“ Ariane Bemmer

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren"

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