Die IGA in Berlin : Blütenträume auf Marzahns Hausberg

Vom U-Bahnhof mit der Seilbahn auf den Kienberg - hochfliegende Pläne gibt es für die Internationale Gartenschau 2017. Ein Besuch bei den Chefentwicklern.

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Wer wird denn da gleich wegrennen? In Marzahn entsteht ein hübscher Landschaftspark, der die Touristen an den Stadtrand locken soll. Und auch die Anreise könnte spannend werden: Vom U-Bahnhof soll eine Seilbahn zum Gelände führen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Wer wird denn da gleich wegrennen? In Marzahn entsteht ein hübscher Landschaftspark, der die Touristen an den Stadtrand locken...

Um ein Haar wäre diese Firma geschlossen worden, noch bevor sie überhaupt richtig die Arbeit aufgenommen hatte. Die Liquidation erfolgt nun erst in fünf Jahren. Planmäßig werden die dann 40 Mitarbeiter ihren Job verlieren. Aber das weiß die Handvoll, die heute schon am äußersten Ende des endlos langen Flures im Flughafengebäude Tempelhof für die „Internationale Gartenschau 2017 Berlin“ arbeitet. Und deren Chef Christoph Schmidt spricht so, als habe er das Schlimmste bereits hinter sich: „Es war ein harter Sommer.“

Schmidt und seine Kollegin Katharina Langsch sind die Köpfe der ursprünglich auf dem Tempelhofer Feld geplanten Gartenschau-Gesellschaft. Doch vor knapp einem Jahr stand das ganze Vorhaben wegen der Widerstände von Anwohnern und Abgeordneten plötzlich auf der Kippe. Eine Notoperation brachte die Rettung: Statt auf dem Flugfeld findet die Schau nun in Marzahn statt, und das zu einem Bruchteil der Kosten, maximal zehn Millionen Euro sollen aus dem Landeshaushalt fließen. Und Marzahn profitiert davon langfristig: Denn die IGA wird zwei Brachen beleben unmittelbar neben den bereits bestehenden „Gärten der Welt“. Die Flächen gehören dem Bezirk schon und müssen ohnehin entwickelt werden. Durch die IGA bekommt das Quartier, mit dem die meisten nur Großsiedlungen aus DDR-Platten verbinden, endlich auch mehr Besuch aus dem Rest der Stadt. Zumal diese gleichsam schwerelos vom U-Bahnhof die 60 Hektar große Blumen- und Parklandschaft erreichen können: mit einer Seilbahn, die über den Kienberg schwebt.

Das klingt spektakulär. Wer im Büro von IGA-Chefin Langsch sitzt, das knapp unter der Deckenhöhe von Hangar 2 liegt und einen weit reichenden Blick über das still gelegte Flugfeld bietet, kommt trotzdem nicht um diese Frage herum: Wie fühlt es sich an, diese Kultlocation aufzugeben, für – Marzahn? „Von der Operation sind Phantomschmerzen geblieben, allenfalls“, sagt die 44-Jährige. Eine Notoperation war es, denn das Großprojekt musste nicht nur abgespeckt und verpflanzt werden, es mussten außerdem noch überzeugende Gründe gegen eine komplette Absage der IGA her. Den Ausschlag gaben wohl die insgesamt vier Millionen Euro, die bis dahin in die Planung geflossen waren und die als Schadensersatz an die Bonner Bundesgartenschau fällig gewesen wären. Verschleuderte Millionen, Planungschaos – diese Blöße wollte sich Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) wohl nicht geben.

Dann doch lieber Marzahn. Zumal Langsch den Stadtteil schon ins Herz geschlossen hat. Sie spricht von dem „kleinen gallischen Dorf, das bis ins Zentrum hineinstrahlt“. Und die Gärten der Welt seien ja ohnehin schon Teil der früheren IGA-Planung gewesen, als „Außenstandort“. 250 000 Besucher jährlich, darunter viele Touristen – Strahlkraft hat die Anlage, die Landschaftsgärtner nach chinesischen Vorbildern gestaltet haben, nach balinesischen und japanischen Motiven, nach orientalischen und christlichen. Und so ganz wollen Langsch und Schmidt die Idee einer Vernetzung von Tempelhof und Marzahn auch keineswegs aufgeben. Ganz im Gegenteil, innerstädtische Grünflächen sollen ein Thema der IGA werden, die dadurch stadtweite Aufmerksamkeit erhält. Der Zeppelin, der auf Visualisierungen von Landschaftsarchitekten über Tempelhof schwebt, wird wohl nicht zu finanzieren sein. Wohl aber grüne Routen und ein Pfad, der von den neuen Stadtgärtnern auf dem Tempelhofer Feld („Allmende-Kontor“) zu den Kreuzberger „Prinzessinnengärten“ führt, von dort über die zahllosen Club- und Firmengärten bis zu den Gartenstädten. Sogar die Anlage des europaweit wohl größten Grünzugs, der die Stadt von Norden nach Süden durchziehen würde, erwägen die Planer. Dieser würde vom Schöneberger Südgelände über den Gleisdreieckpark zum Potsdamer Platz und weiter nach Norden die Panke entlang führen.

Dass sie sich begeistern kann für abgelegene, von Produktions- und Verkehrsströmen abgekoppelte Gebiete, hat Langsch als Marketingdirektorin der „Ruhr 2010 – Kulturhauptstadt Europas“ gezeigt. 53 Städte des früheren Industriegebietes vernetzte sie durch Kunst- und Kulturprojekte miteinander. Die Emscher, ein „verschmutztes Rinnsal“, wurde renaturiert, es gab Theater und Performances auf Industriebrachen und die mit Licht und Farbe in Kunstdenkmäler umgewandelten Fördertürme verliehen dem von Haushaltsnot und Arbeitslosigkeit geplagten „Pott“ ein neues Image. Und müsste die IGA, wenn sie auf dem Kalender der deutschen Entertainment-Städte im Jahr 2017 mehr als eine Randnotiz werden soll, nicht ähnlich kraftvolle Bilder in Berlin erzeugen?

Deshalb will sich Langsch nicht nur auf die Entwicklung der Brachen beschränken, sondern die „Verbindung zu den Bezirken fördern“: Durch den Bau einer Aussichtsplattform auf dem Kienberg, damit Besucher aus 120 Metern Höhe auf die Plattenformationen aus DDR-Zeiten und über sie hinaus bis zum Fernsehturm und dem dann fertig gestellten Schlossneubau blicken können. Der Kienberg, der aus dem Aushub für die Neubausiedlungen, aber auch aus Schlosstrümmern bestehen soll, wird vom U-Bahnhof Neue Grottkauer Straße per Seilbahn erreicht, die dann weiter zum Gelände der Blumenschau schwebt. Von einer „wunderbaren Dramaturgie“ spricht Langsch auch: Berlin so nah und so fern zugleich.

Von April bis Oktober des Jahres 2017 wird die Gartenschau öffnen. Schließen wird sie danach nie mehr – weil diese Flächen die Gärten der Welt erweitern. 40 Millionen Euro kostet die IGA, drei Viertel davon sollen Eintrittskarten und Sponsoren zusammen bringen. Mit 2,4 Millionen Besuchern rechnet Schmidt im Jahr 2017. Und wenn die Rechnung nicht aufgeht? „Der Zuschuss des Landes ist bei 9,8 Millionen Euro gedeckelt“, versichert er.

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