Berlin : Die immer noch Überlebende

Safinaz Hallioglu hat Krebs, sollte längst tot sein Was sie ihren Kindern sagen will, wurde zum Buch

Susanne Vieth-Entus

Ich bekam mein erstes Kind und ging dann in den Ring. Gegen den Krebs.

Rathaus Wedding. Im großen Saal ist es mucksmäuschenstill. Die rund 200 Zuhörer wollen keinen Satz verpassen, den Safinaz Hallioglu vorliest. Sie spricht leise und geht dabei durchs Auditorium. Wenn die Schmerzen ihre Stimme übertönen, gibt sie das Buch weiter, dann lesen die anderen. Ärzte der Charité oder Mitschüler von Muhammed, ihrem ältesten Sohn, der schwer behindert ist. Sie alle kommen in dem Buch vor.

Das Buch heißt „Überlebensfeier“, und eigentlich sollte es gar kein Buch werden. Sondern ein paar Seiten für die Kinder von einer Mutter, die sterben muss, weil sie Krebs hat. Das Buch war innerhalb von acht Wochen fertig. Der Verlag hat sich beeilt, damit die 41-jährige Safinaz Hallioglu es noch sehen kann.

Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer auf dem Sofa und lacht. Muhammed liegt bei ihr, die Mutter streichelt ihm über den Kopf. Meistens spricht sie nicht von sich und ihrer Krankheit, sondern von Muhammed. Mit seinen zwölf Jahren kann er nur drei Worte sprechen und leidet ständig unter epileptischen Anfällen. Probleme bei der Geburt sind schuld an seiner Behinderung. Man hört von der Mutter keine Worte der Verzweiflung. Immer wieder sagt sie, dass sie dankbar ist.

Sie wirkt so stark und angstfrei, dass es die gesunden Menschen sind, die schwach und hilfsbedürftig erscheinen.

Der Krebs kam, als Safinaz Hallioglu Ende 20 war und Muhammed gerade geboren. Der jungen Mutter wurde die linke Brust amputiert, sie blieb zwei Monate zu Hause, dann ging das Leben weiter. Die studierte Augenärztin promovierte, arbeitete in der Uniklinik, eröffnete die eigene Praxis. Sie war die einzige türkische Augenärztin Berlins. Das Wartezimmer war schnell voll.

1999 kam der zweite Sohn zur Welt, 2002 der dritte. Der war noch kein Jahr alt, da stellten die Ärzte fest, dass die Mutter im ganzen Körper Metastasen hatte. Sie gaben Safinaz Hallioglu nur noch Monate. Sie schloss ihre Praxis und blieb zu Hause bei ihren Kindern.

Drei Jahre später, drei Jahre, nachdem sie auch nach Meinung optimistischer Ärzte hätte tot sein müssen, ging es ihr dann wirklich sehr schlecht. Sie zog mit der Familie in ein Sterbehospiz – und vier Wochen später auch wieder aus.

Da lud sie alle Freunde zur „Überlebensfeier“ ein. Wohlwissend, dass sie diesen Krebs nicht mehr lange überleben würde.

Warum feiert man, wenn man doch bald sterben soll? Safinaz Hallioglu hat darauf viele Antworten. Sie findet ringsherum tausend Gründe zum Glücklichsein und sie lacht, wenn sie über ihr Schicksal spricht. Sie sagt „mein Krebs“. Sie spricht von einem Kampf, den er und sie führen. Nicht als Feinde, sondern wie Freunde im Wettkampf. Sie gibt nicht auf. Ihre Ärzte finden kaum noch Erklärungen dafür, dass Safinaz Hallioglu überhaupt noch lebt. Gib Dich nicht zu schnell geschlagen, ist ihre Botschaft, wie sie da sitzt auf ihrem Sofa.

Was man erreichen kann, wenn man sich einsetzt, das hat Safinaz Hallioglu vor allem auch an ihrem ältesten Sohn bewiesen. Seit sechs Jahren besucht Muhammed die Brüder-Grimm-Grundschule – statt einer Sonderschule. Seine Erzieherin und Unterrichtshilfe Petra Jahn gehört quasi zur Familie und hat es sogar geschafft, dass Muhammed mit auf Klassenfahrten gehen konnte.

Die Idee, aus den Briefen an ihre Kinder mehr zu machen, kam von Marlies Winkelheide, die im Auftrag der Lebenshilfe Seminare für Angehörige von Behinderten anbietet. Sie hat den Geest-Verlag für das Projekt gewonnen. So wurde schließlich nicht nur das Vermächtnis der Mutter abgedruckt mit ihren Dialogen und kleinen Märchen, es kam auch Muhammeds Klasse zu Wort, und es gibt einen Anhang mit Tipps und Adressen.

Als Safinaz Hallioglu vorliest im Weddinger Rathaus, geht eine weitere Runde an den Krebs. Die Kraft verlässt sie kurz vor Ende der Veranstaltung. Ihr Mann und die Söhne bleiben und hören, was Safinaz Hallioglu ihnen hinterlässt.

„Überlebensfeier“ ist im Geest-Verlag erschienen, wird bald ins Türkische übersetzt und kostet 11 Euro. Über Hilfen für die Geschwister von behinderten Kindern gibt es Informationen unter www.geschwisterkinder.de, über das Sterbehospiz unter www.bjoern-schulz-stiftung.de

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