Berlin : Die Jagd nach dem Loriot-Manuskript

Bei einem runden Geburtstag machte der Humorist eine ganz besondere Liebeserklärung Tagesspiegel-Reporterin Elisabeth Binder weiß noch ganz genau, wie sie diese unbedingt schwarz auf weiß haben wollte

Für ihn soll’s Luftballons regnen. Seinen 80. Geburtstag feierte Loriot mit großem Publikum in der Deutschen Oper. Auch Evelyn Hamann (1942-2007) war dabei. Foto: ddp/Tom Maelsa
Für ihn soll’s Luftballons regnen. Seinen 80. Geburtstag feierte Loriot mit großem Publikum in der Deutschen Oper. Auch Evelyn...Foto: ddp

Zu Abschiedsritualen gehören Erinnerungen. Mit einer 90-minütigen Gedenkfeier verabschiedet sich am Sonnabend Loriots Geburtsstadt Brandenburg/Havel von dem großen Humoristen. Dort wurde er zwar am 12. November 1923 geboren. Aber geliebt hat er Berlin, und das aus einem besonderen Grund, wie er bei der Feier zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 2003 verriet: Hier fand er seine Berufung zum Humoristen.

Nach einem Feuerwerk an Lobreden trat nachts um halb eins damals noch Richard von Weizsäcker als Festredner ans Mikrofon. Er beschrieb Vicco von Bülow als „Pionier unserer täglichen Missverständnisse“ und bekannte: „Wir sind die Täter ihrer Stücke.“ Anschließend bedankte sich Loriot mit einer Liebeserklärung an die Stadt, die ihn zum Humoristen gemacht hat.

„Die müssen wir im Tagesspiegel abdrucken“, fuhr es mir durch den Kopf. Es kostete Überwindung, ihn an einem so großen Tag darum zu bitten, aber irgendwann sprach ich ihn an. Er würde die Rede vorher aber gerne noch mal durchlesen, meinte er. „Rufen Sie mich doch morgen an.“ Morgens erfuhr ich, dass der Jubilar erst ab 15 Uhr ansprechbar sei. Schließlich hatte die Feier bis zum Morgen gedauert. Ob es noch klappen würde, die Rede aktuell ins Blatt zu bringen? Um kurz nach 15 Uhr erreichte ich ihn tatsächlich, und er bot mir an, das Manuskript in seiner Wohnung abzuholen. Ich sprang sofort in ein Taxi, machte den Fahrer ordentlich nervös, und als wir am Savignyplatz ankamen, bat ich ihn zu warten, weil ich sofort wieder zurückmüsse. „Und zwar schnell!“ Als Pfand drückte ich ihm, weil mir so schnell nichts Besseres einfiel, einen 50-Euro-Schein in die Hand. Außer Atem kam ich oben an. Loriot bat mich höflich und ruhig hinein. Ich durfte auf dem Sofa Platz nehmen. Er nahm die Rede, ging sie noch mal durch. „Meinen Sie wirklich, das geht so?“ fragte er, korrigierte nachdenklich ein Komma. „Und die Überschrift …“, sagte er gedankenverloren. „Was machen wir denn da als Überschrift?“ Ich glühte auf dem Sofa und platzte fast vor Nervosität. Plötzlich schaute er mir gerade ins Gesicht. „Sie sind rasend eilig, oder?“, fragte er. „Die Rede müsste eigentlich schon auf der Seite sein, und ich muss sie doch noch erfassen lassen“, sagte ich unglücklich. Mit einem Ruck drückte er mir das Manuskript in die Hand: „Dann aber los.“ Ich stürmte durch den Flur zum Ausgang, runter zum Taxi. Tatsächlich saß der Fahrer noch da mit dem 50-Euro-Schein in der Hand. Wenn man sie braucht, ist die so oft zu Unrecht verrufene Stadt tatsächlich voller Wunder. Und Loriots Liebeserklärung hat es auf die allerletzte Sekunde auch noch ins Blatt geschafft.

Einige Jahre später gab er mir eine Chance, mich für sein Geburtstagsgeschenk an den Tagesspiegel zu bedanken. Im Nachhinein kommt mir auch das wieder vor wie ein Sketch. Es war bei der Aidsgala. „Ich habe gehört, Sie haben morgen ein Interview mit Villazón im Blatt“, sagte er. „Das möchte ich so gern lesen. Haben Sie nicht eine Zeitung dabei? Die kommt doch immer schon am Abend.“ Ich war verblüfft, wie gut er informiert war, hatte aber natürlich keine Zeitung dabei. „Sie könnten sich doch morgen ein Exemplar beim Bäcker besorgen“, schlug ich vor. „Oder an der Tankstelle.“ „Aber wo ist denn eine Tankstelle?“, fragte er. „Wie komme ich denn da hin?“ „An der Bismarck …“. Glutrot biss sich plötzlich Scham in mein Hirn. War ich wirklich gerade dabei, den großen Loriot zur Tankstelle zu schicken? „Ich besorge Ihnen einen“, versprach ich. Dann rief ich den Pförtner im Verlagshaus an, bat ihn, mir ein Andruckexemplar mit dem Taxi in die Oper zu schicken, das ich Loriot nach der Vorstellung überreichte. Ganz genau weiß ich es nicht mehr, aber ich glaube, er fing sofort an zu blättern.

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