Berlin : Die Jammertante war ihr Schicksal

Stefanie Julia Möllers Rolle in „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ wurde gestrichen. Nun zog die Berlinerin vor Gericht

Thomas Loy

Stefanie bittet um ein anderes Foto. Nicht mehr diese Leidensmiene mit den leeren Augen und einem makellos-blassen Gesicht, zerbrechlich wie eine Schicht Milcheis. Das ist nicht Stefanie, sondern ihre Rolle, Charlotte Bohlstädt aus „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Stefanie möchte mit der Bohlstädt nichts mehr zu tun haben, weil die so nervtötend langweilig war, „ständig am Heulen“, ein typisches Opfer eben. Eine Medienanalyse ergab, dass die Bohlstädt als „unscheinbar, weder sympathisch, noch unsympathisch, problembeladen und insgesamt als Jammertante“ empfunden wird. Niemand wollte sie mehr sehen, also wurde sie aus der GZSZ-Welt entfernt. Das geht ganz einfach. Man schreibt sie aus den Drehbüchern raus, schickt sie zu ihrer Mutter nach Südfrankreich. Da kann sie dann versauern, bis alle Zuschauer sie vergessen haben. Und Stefanie, die Schauspielerin? Wird vorzeitig gekündigt und tschüss. Geht man so mit Serienstars um?

Stefanie Julia Möller aus Berlin hat die GZSZ-Produktionsfirma Ufa Grundy verklagt. Nicht auf Wiedereinsetzung als Jammertante, sondern auf Gehaltsfortzahlung in Höhe von 30000 Euro. Vor ihr wagte das noch keine Soap-Heldin. Der Prozess zog sich durch die Instanzen, weil eine sehr schwierige Frage zu klären war: Darf man einen Anstellungsvertrag mit einer Klausel bestücken, die den Fortbestand des Arbeitsverhältnisses quasi vom Publikumsgeschmack abhängig macht? Gestern entschied das Bundesarbeitsgericht in Erfurt: Man darf.

Stefanie Julia Möller hatte gerade Abitur gemacht, als vor vier Jahren das Angebot kam, bei GZSZ eine Hauptrolle zu übernehmen. Zum Casting war sie nur gefahren, um als Komparsin ein bisschen Geld zu verdienen. Die Serie fand sie eigentlich „total doof“, aber eine Hauptrolle bekommt man eben nicht alle Tage serviert. Stefanie fragte ihre Freunde, was sie an ihrer Stelle machen würden. Absagen, rieten die meisten. Stefanie sagte zu, weil es immerhin eine Chance war und sie „das Beste daraus machen wollte.“ Soap-Star war nie ihr Ziel, sondern Schauspielerin. Der Unterschied sei ihr schon damals sehr deutlich gewesen. Stefanie ist kein gut aussehendes Fernseh-Dummchen, das sich eben mal verheizen lässt und dann heulend auf der Straße steht. Als im Januar 2001 die Kündigung kam, habe sie eben bewusst eine Karrierepause eingelegt, sagt sie. Nur dauert die Pause jetzt schon etwas lange.

In der Soap-Fabrikation sind keine Schauspieler gefragt, sondern bestenfalls Darsteller, die schnell ihren Text lernen und dann unter minimalem emotionalen Aufwand abspulen. 17 Szenen habe sie manchmal am Tag gedreht, erzählt Stefanie. Pro Szene hatte das Team 20 Minuten Zeit. Dass es eher um Quantität als um Qualität geht, habe sie von Anfang an gewusst. Selbst die Publicity verleitete sie nicht dazu abzuheben. „Dass die Leute einen auf der Straße erkennen, heißt noch lange nicht, dass man ein toller Schauspieler ist.“ Es war eben nur ein Job, bei dem sie immerhin gelernt habe, sich schnell auf neue Drehsituationen einzustellen und professionell mit der Aufnahmetechnik umzugehen. Stefanie beharrt darauf, nichts zu bereuen.

Schwer ist es aber auch für sie, den Makel der Seriendarstellerin abzustreifen. Als sich Stefanie vor einigen Wochen an der Schauspielschule in Rostock bewarb, verschwieg sie die Zeit bei GZSZ. (Kann man machen. Beim Theater schauen sie ja nicht viel fern.) Der Prüfer sei recht angetan gewesen, erzählt Stefanie. Nach der zweiten Runde war trotzdem Schluss. Stefanie macht natürlich weiter, bewirbt sich beim Film und im Theater. Im Herbst will sie wieder in einer Schauspielschule vorsprechen. „Ich bleib da dran. Ich besitze genug Talent, um Erfolg zu haben.“ Irgendwann werden die Leute schon vergessen haben, wer sie mal war bei GZSZ. Was mit „subtilem Humor“ würde sie gerne mal spielen, vielleicht „einen Mafiosi“. Die GZSZ-Jammertante Charlotte mag nur weiter bei ihrer Mutter in Südfrankreich versauern.

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