Berlin : Die Kabine der Stimmungsmacher

Aus der Skybox hat man das Rund perfekt im Blick – nicht zum Vergnügen: Für die Stadionregie dauert ein Spiel deutlich länger als 90 Minuten

Sebastian Leber

Wo ist die Zwei? Wo ist die verdammte Kamera zwei? Holger Timmreck sitzt auf seinem Hocker, vor ihm 16 Monitore, alle laufen, nur der zweite oben links bleibt schwarz. „Wollen Sie heute nicht mit uns arbeiten, Kamera zwei?“ Timmrecks Stimme klingt aufgeregt, aber nicht verzweifelt. Ist ja noch Probe.

Kurz nach eins kommen die ersten Fans ins Stadion, zweieinhalb Stunden vor Anpfiff. Es ist der 17. Spieltag, das Spiel des Jahres steht an: Die Bayern kommen. Das Stadion ist ausverkauft, 74 220 Zuschauer, einer davon wird der Bundestrainer sein. Oben in der Skybox, in Raum 5.2.630, sind sie schon vollzählig. Hier sitzt die Stadionregie, direkt unterm Dach der Haupttribüne, mehr als 30 Meter über dem Spielfeld: elf Mitarbeiter an ihren Computern, dazwischen Telefone, Regler, jede Menge Papiere. Und die riesige Fensterfront. Von hier hat man das ganze Stadion im Blick – das braucht man auch. Denn Regisseur Holger Timmreck und sein Team sind für zig Dinge gleichzeitig verantwortlich: für die Anzeigetafeln im Stadion, für die elektronischen Werbebanden, für die Flutlichtbeleuchtung, die Ansagen und die 230 Plasmabildschirme in den Lounges. Muss alles funktionieren heute.

Das Problem mit Kamera zwei ist schnell gelöst. Ein Kabel war defekt. Das passiert, sagt Timmreck. Der 48-Jährige im hellblauen Hemd nimmt wieder auf seinem Hocker Platz. Jetzt kommt der große Auftritt von Fabian von Wachsmann und Udo Knierim . Eben waren sie noch oben in der Skybox für letzte Absprachen, nun stehen sie unten mit Mikro an der Tartanbahn. „Mit der Nummer drei: Arne ...“ und das Stadion brüllt „... Friedrich!“. Besonders laut schallt es aus der Ostkurve. Ein unbeschreibliches Gefühl, sagt Knierim. „Jedes Mal aufs Neue bekomme ich da Gänsehaut.“ Seit neun Jahren schon. Die beiden feuern die Fans während des Spiels an, damit die für Hertha Lärm machen. Auch bei der WM durften die beiden ans Mikro. Da mussten sie sich aber zurückhalten. Strenge Neutralitätspflicht. Ein Sprecherkollege vergaß das und forderte beim Argentinien-Spiel die Zuschauer auf, die Deutschen anzufeuern. Die Fifa hat ihn sofort abgesetzt.

Die Stadionregie ist nicht der einzige Nutzer der Skybox. Im Nebenraum sitzt die Polizei, auch hinter einer großer Fensterfront. Die Beamten passen auf, dass die Fans auf den Rängen friedlich bleiben. Mit 30 Kameras können sie das Gesicht jedes Zuschauers heranzoomen. Heute sehen die Beamten in der Box entspannt aus, die Stimmung ist friedlich, wie meistens. Ausschreitungen hat es im Olympiastadion seit mehr als zehn Jahren nicht gegeben, nur ab und zu tickt ein Betrunkener aus. Aber nie lange – die Polizei steht in ständigem Kontakt zum Ordnerdienst.

Auf dem Platz ist auch nicht viel los. „Zähes Gekicke“, sagt Regisseur Holger Timmreck. Das einzig Spannende passiert auf seiner Anzeigentafel. Als sein Mitarbeiter auf den Knopf drückt und vermeldet, dass Karlsruhe soeben ein Tor geschossen hat, bricht Jubel im Stadion los – Hertha und den KSC verbindet eine Fan-Freundschaft. Noch lauter ist der Lärm, als Nürnberg ein Tor schießt. Nein, nicht weil die Nürnberger sonderlich beliebt sind. Sondern weil sie heute gegen Schalke spielen. Die mag hier kaum einer.

Die Anzeigentafel ist die größte und modernste Europas. Auf der kann man gestochen scharfe Wiederholungen abspielen, etwa von Torszenen. Aber nie bei strittigen Schiedsrichterentscheidungen. Das hat die Deutsche Fußball-Liga strengstens untersagt, erzählt der Regisseur. Dann das erste ernste Problem des Tages, ein Mitarbeiter gibt es von unten per Telefon durch: Der kleine Torben hat seinen Opa Andi verloren, möchte an Steintreppe C abgeholt werden. Ein Fall für den Stadionsprecher.

Jetzt ist Halbzeit, und es sieht nicht nach Toren aus heute. Dabei hatte der Regisseur vorhin schon den Sieg geplant: „Wenn Hertha gewinnt, brauch ich beim Abpfiff eine Kamera in der Kurve.“ Um die jubelnden Fans zu zeigen. Schön wär’s. Ja, hier in der Skybox sind alle Hertha-Fans – aus Prinzip, sagt ein Mitarbeiter. Er steht draußen auf dem Flur mit einer Cola, in der Skybox sind Getränke verboten. Wegen der ganzen Technik, da darf nichts reinlaufen. Und dann hat der Mann Zeit, der eben noch ständig umhergelaufen ist: Martin Möller, 32, koordiniert das Stadionfernsehen. Vor drei Jahren hat seine Firma „Ereignisschmiede“ die Aufgabe übernommen. „Davor war es hauptsächlich eine Kamera und ein bisschen Power Point“, sagt er. Möller ist auch für die Regie bei Alba-Spielen verantwortlich. Eigentlich wollte er Profifußballer werden. Er schaffte es bis in die A-Jugend, war Spielmacher, bis zum Kreuzbandriss. „Was ich jetzt in meinem Job mache, ist das bisschen Fußball, das ich mir erhalten habe“, sagt er.

Unten geht das Spiel weiter, und oben hat der Regisseur seine Mannschaft im Griff. Die Bayern machen Druck, aber brenzlig wird es nicht. Klar unterlaufen uns Fehler, sagt Martin Möller. Einmal haben sie das Logo von Wolfsburg eingeblendet, dabei stand unten Werder Bremen auf dem Platz. Beide Vereine tragen ein grünes W im Emblem. Das war peinlich, sagt Möller, vor allem, weil es die Fans unten gleich gemerkt haben. Aber alles nicht so dramatisch wie die Panne damals beim DFB-Pokalspiel, als plötzlich der Rasensprenkler anging. Um das klarzustellen: Damit hatte die Stadionregie nichts zu tun.

Dann ist das Spiel zu Ende, null zu null, und in der Skybox wird es nochmal stressig. Jetzt werden die Ergebnisse der anderen Spiele eingeblendet, die Tabelle, ein bisschen Werbung. Alles in allem ein routinierter Arbeitstag für Timmrecks Team. Bayern ist Herbstmeister. Und der kleine Torben hat Opa Andi wiedergefunden. Sebastian Leber

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