Berlin : Die Kandidaten üben den Spagat

Gesittetes Tempelhof, schillerndes Schöneberg: Der Bezirk der Gegensätze macht es den Bewerbern nicht leicht

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Von Frank Thadeusz

Neuberlinern den Bezirk Tempelhof-Schöneberg zu beschreiben, ist keine ganz leichte Aufgabe. Man könnte davon berichten, dass in der einen Hälfte (Schöneberg) der größte Teil der Berliner Schwulen-Szene zu Hause ist, während es in der anderen (Tempelhof) die im Stadtvergleich nicht unerhebliche Zahl von 4600 Kleingärten gibt. Oder, dass in Tempelhof eine berlinweite Rekordzahl von 7005 Bürgern das Volksbegehren „Schluss mit der Rechtschreibreform“ unterzeichnet hat, während in Schöneberg Unterschriften zur Rettung des Stadtteilfestes in der Motzstraße gesammelt werden. Fragt man Menschen in beiden Ortsteilen, was sie mit dem anderen zu tun haben, ist die mildeste Reaktion ein Schulterzucken.

Seit der Bezirksreform vom Januar 2001 gehören Tempelhof und Schöneberg verwaltungstechnisch zusammen und bilden mit 338 000 Einwohnern den bevölkerungsstärksten Bezirk. De facto verbindet beide wenig. Ein Umstand, der die wahlkämpfenden Spitzenkandidaten zu Wortakrobatik zwingt oder sie Worthülsen produzieren lässt. Da ist von „großer Vielseitigkeit“ oder einer „bunten Mischung“ die Rede.

Umstellen muss sich zum Beispiel Eckhardt Barthel: Den weitgehend homogenen Wahlkreis Kreuzberg-Schöneberg sicherte sich der Sozialdemokrat vor vier Jahren mit komfortablen 38,5 Prozent. Barthel zog in den Bundestag ein und wurde medien- und kulturpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Im eigenen Wahlkreis richtete der 63-Jährige ein Büro ein, in dem nicht nur regelmäßig Sprechstunden, sondern auch Lesungen und Kulturabende abgehalten werden. Überdies gilt er als Abgeordneter, der bei Gelegenheit immer für einen Plausch auf der Straße zu haben ist.

Mit solchen Tugenden konnte Barthel im feinsinnigen Schöneberg punkten, ob er so aber auch in Tempelhof unentschiedene Wähler locken kann? Dort kommt CDU-Mann Peter Rzepka gut an. Der Steuerjurist ist Wirtschaftsfachmann und Experte für Arbeitsmarktpolitik. Im Abgeordnetenhaus versieht der in Pommern geborene Rzepka einen soliden Job. Allerdings hängt ihm noch die parteiinterne Rangelei an, die sich bei der Kandidatenkür der Christdemokraten im Januar zugetragen hat. Damals sollen Rzepkas Verbündete zum Nominierungs-Parteitag diverse Karteileichen reaktiviert haben, um ihren Favoriten als Kandidat gegen den Parteikollegen und ehemaligen Verteidigungsminister Rupert Scholz durchzuboxen.

Von derlei Parteigezänk blieb Renate Künast verschont. Ihre Partei, Bündnis 90 / Grüne, bescherte der Ministerin für Verbraucherschutz den ersten Listenplatz. In den Bundestag wird sie damit wohl auf jeden Fall kommen. Und dennoch dürfte Künast, die seit vier Jahren in Schöneberg wohnt, an einem starken Abschneiden im Bezirk interessiert sein. Mit publicityträchtigen Aktionen wie dem Hissen der Regenbogenflagge – dem Symbol der schwul-lesbischen Bewegung – am Schöneberger Rathaus, begeisterte sie allerdings eher im heimischen Ortsteil als in Tempelhof.

Auf den künftigen Bundestagsabgeordneten aus Tempelhof-Schöneberg warten gleichwohl größere Bewährungsproben: Der Flughafen Tempelhof hat im Jahr 2000 rund 10 Millionen Euro Verlust erwirtschaftet. Doch die Flughafen-Holding BBF will den alten Zentralflughafen solange weiter betreiben, bis der neue Flughafen in Schönefeld betriebsbereit ist. Das kann dauern, und viele Bewohner erinnern sich mit Unbehagen an jene einmotorige Sportmaschine, die es im Anflug vor gut einem Jahr nicht mehr bis zur Landebahn schaffte, gegen ein Haus in der Neuköllner Karl-Marx-Straße prallte und im Hinterhof in Flammen aufging. Nur knapp entging die belebte Einkaufsstraße damals einer Katastrophe.

Gute Kontakte zur neuen Bundesregierung dürften auch für ein weiteres Projekt vonnöten sein: Durch den Ausbau der Dresdner Bahn soll auch Tempelhof-Schöneberg mit dem künftigen Großflughafen Schönefeld verbunden werden. Dazu müsste allerdings noch die Art der Streckenführung geklärt werden. Bezirkspolitiker aller Parteien favorisieren einen Tunnel, der unter dem Ortskern von Lichtenrade entlanglaufen soll. Zwar hat Verkehrsminister Kurt Bodewig bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert, aber ob und mit wie viel Geld der Bund das Bauvorhaben unterstützen wird, ist längst nicht abgemacht.

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