Berlin : Die Kapuzenmänner

Wenn sie kommen, fallen sie mit der Tür ins Haus. Die Überraschung ist überlebenswichtig, denn ihre Gegner sind Geiselgangster, Bankräuber oder Terroristen. Doch Abenteurer und Rambos sind nicht gefragt beim Spezialeinsatzkommando der Polizei. Heute feiert die Mannschaft fürs Grobe ihr 30-jähriges Bestehen

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Von Werner Schmidt

Die winzige Chance nutzt der SEK-Beamte: Ein Sprung aus dem Stand über drei Meter, ein Tritt gegen den Kopf des Geiselgangsters und der Täter ist handlungsunfähig. Handschellen klicken, die Geisel, ein drei Jahre alter Junge, rettet sich in die Arme seiner vor Freude weinenden Mutter. Das ist kein Übungsszenario für das Spezialeinsatzkommando, deren Angehörige in der Öffentlichkeit dunkle Masken tragen. Sondern ein Einsatz am Kottbusser Tor in Kreuzberg. Dort hatte im Oktober 1998 ein geistig verwirrter Algerier einer Mutter ihr Kind entrissen und es sechs Stunden mit einem Messer bedroht. August 2002: Fünf Asylbewerber dringen in die Irakische Gesandtschaft in Zehlendorf ein, bedrohen und fesseln zwei Diplomaten. Forderungen stellen sie nicht, aber sie schießen drei Mal in Wände und Türen. Verletzt wird niemand. Nach mehrstündigem Nervenkrieg stürmt das SEK das Gebäude und überwältigt die Täter.

Die Anti-Terror-Spezialisten tragen keine Samthandschuhe, und sie werden immer dann gerufen, wenn „normale“ Polizisten mit ihrem Latein am Ende sind. Sie fackeln nicht lange – ihre Spezialität ist es, mit der Tür ins Haus zu fallen. Und das im Wortsinne. Notfalls werden Haustür und Fenster mit einem mannsgroßen Eisenschild zertrümmert. Und kaum einer ihrer Gegner kommt ohne Blessuren davon. Mal eine gebrochene Nase, mal ein Platzwunde – es sind eben keine „Weichbrötchen“, auf die die Männer vom SEK angesetzt werden. Es ist eine Frage des Überlebens, einen Bewaffneten so schnell zu überrumpeln und kampfunfähig zu machen, dass ihm weder eine Chance bleibt, auf die SEK-Männer zu schießen noch seiner Geisel etwas anzutun.

Jetzt feiert das Berliner SEK sein 30-jähriges Bestehen. Am heutigen 5. Oktober wird der Jahrestag während einer internen Feier auf dem Polizeigelände an der Kruppstraße in Moabit heftig begossen. Mit ihnen feiern die Präzisionsschützen, die sich nur ungerne als Scharfschützen bezeichnen lassen. Obwohl sie es natürlich sind – wenn auch nicht im militärischen Sinn. Beide Einheiten verdanken ihre Existenz einer fatalen Fehleinschätzung der deutschen Sicherheitsbehörden: 1972 wollten sie bei den Olympischen Spielen neun israelische Sportler aus den Händen arabischer Attentäter befreien – die Aktion auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck bei München geriet zum Desaster. Die Sportler starben, vier arabische Terroristen wurden erschossen und ein Polizist getötet. Die deutsche Regierung hatte zuvor das israelische Angebot, eine Anti-Terror-Einheit nach München zu schicken, abgelehnt.

Diese israelische Einheit wurde wenige Wochen später ein Vorbild, als deutsche Anti-Terror-Kämpfer ausgebildet wurden. Beim Bundesgrenzschutz wurde es die Grenzschutzgruppe 9 (GSG 9), bei den Länderpolizeien hießen sie Spezialeinsatzkommandos – und nicht Sondereinsatzkommando. Die habe es während des Zweiten Weltkriegs bei der Wehrmacht gegeben. Eine nsgleichheit mit diesen militärischen Einheiten sollte vermieden werden, sagte der Leitende Polizeidirektor Martin Textor, dem das Berliner SEK untersteht.

Bereits am 1. Januar 1973 hatte der erste Lehrgang des neuen Berliner SEK seine Ausbildung beendet. 700 Schutzpolizisten hatten sich auf die Ausschreibung gemeldet. 173 bestanden die Vorauswahl, 48 durften schließlich zum Basislehrgang. Sportlich mussten sie sein, keine Rambos, sondern überlegt und überlegen vorgehen, aber nicht zu zögerlich. Eine gewisse Risikobereitschaft braucht ein SEK-Beamter – aber er darf sich nicht kopflos in ein Abenteuer stürzen: „Mit James-Bond-Typen können wir nichts anfangen“, sagen die Verantwortlichen. Von Kollegen, bei denen man im Lauf der Zeit feststellte, dass sie nicht ins SEK passen, weil sie zum Beispiel eine Neigung zu Großspurigkeit oder Selbstüberschätzung hatten, trennte man sich schnell. Da hilft auch die besonders ausgeprägte Kameradschaft unter den SEK-Angehörigen nicht.

Polizistenmörder, zu allem entschlossene Terroristen, skrupellose Geiselgangster, bewaffnete Bankräuber, brutale vietnamesische Erpresser von Zigarettenhändlern, verzweifelte Lebensmüde wurden vom SEK überwältigt. Der ganze Stolz der 75 Mann starken Elitetruppe war es über mehr als zweieinhalb Jahrzehnte, auch die gefährlichsten Täter überwältigt zu haben, ohne einen Schuss abgegeben zu haben. Das änderte sich in den vergangenen drei Jahren dramatisch: Ende Januar 2001 tötete ein SEK-Beamter einen 22-Jährigen, der mit seiner Bande einen Lichtenberger Supermarkt überfallen hatte. Der SEK-Mann schoss, als der Täter mit der Pistole in der Hand auf einen anderen Polizisten zurannte. Dass der Täter eine Gaspistole in der Hand hatte, war nicht zu erkennen: Sie war einer echten täuschend ähnlich nachgebildet. Noch immer ist unklar, weshalb der bestens gedrillte Beamte zwar auf den Arm des Täters zielte, diesen aber drei Mal verfehlte und den Mann tödlich in den Rücken traf. Zum ständigen Training der SEK-Beamten gehört es nämlich auch, schnell und treffsicher aus allen erdenklichen Lagen zu schießen.

Nur drei Monate später griff wieder ein SEK-Beamter zur Waffe und schoss. Der Täter, ebenfalls ein Supermarkt-Räuber, wurde schwer verletzt. Das SEK hatte ihn auf frischer Tat in einem Laden an der Klamannstraße in Reinickendorf gestellt. Der Mann zog eine Pistole und richtete sie auf den Beamten – wieder war es eine Gaspistole, wieder hatte der SEK-Mann das nicht erkannt. Diesen auffällig häufigen Einsatz der Dienstwaffe erklären leitende Polizisten mit einer gesunkenen Hemmschwelle bei den Tätern. Früher seien sie regelrecht erstarrt, wenn die „harten Jungs vom SEK einritten“. Davon sei heute nur selten noch etwas zu merken.

Dass sich das SEK einen leichtfertigeren Umgang mit der Schusswaffe angewöhnt hat, weisen alle energisch und empört zurück. Wie lasch manche SEK-Männer allerdings ihre Maschinenpistole handhaben, zeigt ein Vorfall aus dem Jahr 1999. Damals löste sich aus einer ungesicherten Waffe ein Schuss, als der Beamte nach einem Einsatz in Charlottenburg sie entladen wollte. Die Kugel traf ihn in den Fuß. Diesen peinlichen Vorfall wollte die Polizei seinerzeit verheimlichen. Ans Licht kam er nur, weil der SFB diese Panne gefilmt hatte.

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