Berlin : Die Kennzeichen CD - Die Welt in Berlin (19): Mit den Klischees aufräumen

Alexander Loesch

Die Slowaken sind Pragmatiker. Als es vor drei Jahren um die Neubesetzung des Botschafterpostens in Deutschland ging, fiel die Wahl auf einen Wirtschaftsfachmann. "Wir sind ein kleines Land und können keine große internationale Politik betreiben", sagt der Berliner Missionschef Jan Foltin, bescheiden lächelnd. "Aber wir können gute Geschäfte machen, und Deutschland ist unser wichtigster Handelspartner", fügt der gelernte Ökonom hinzu. Auf so abgestecktem Arbeitsfeld wollte Foltin seinem Land dienen. Nicht zuletzt auch, um ein "realistischeres Bild der Slowakei zu vermitteln, das besser ist als vielfach vermutet". Auch dies soll die deutsche Unterstützung des slowakischen Strebens in die EU stärken.

Doch als Foltin im Oktober 1998 seine Arbeit als Missionschef aufnahm, ging es zunächst buchstäblich um das Dach überm Kopf. Jetzt, drei Jahre später, arbeitet der Botschafter mit seinem Personal immer noch in einem Provisorium, in einer Büroetage in der Pariser Straße 44 in Wilmersdorf. "Das Ringen um ein Domizil hat viel Zeit und Kraft gekostet", klagt Foltin, "was natürlich unsere Arbeit behinderte." Die Ursache: Die junge Slowakische Republik wurde im Falle ihrer Berliner Botschaft unmittelbar mit der Geschichte konfrontiert; mit der eigenen und mit der deutschen.

Und das kam so: Nach der "sanften Scheidung" vor fast neun Jahren behielt die neue Tschechische Republik die Botschaft aus den 70er Jahren in der heutigen Wilhelmstraße, die Slowakei übernahm ein zur einstigen gemeinsamen Botschaft gehörendes Haus in der Leipziger- / Ecke Charlottenstraße. Eines der wenigen schönen alten Geschäftsgebäude, die in dieser Gegend den Zweiten Weltkrieg überdauert haben. "Doch dann begannen die Schwierigkeiten", erzählt Foltin. Erben des ursprünglichen jüdischen Besitzers aus den USA meldeten Restitutionsansprüche an.

Der Fall war juristisch sehr kompliziert. Der Eigentümer des einstigen noblen Modehauses wurde von den Nationalsozialisten in den Ruin und zum Selbstmord getrieben. Die Witwe, eine "Arierin", verkaufte danach das Haus an den tschechischen Schuhproduzenten Bata, um die Schulden ihres Mannes bezahlen zu können. Da die Firma Bata wie alle Großbetriebe 1945 in der CSR verstaatlicht worden war, ging auch die Berliner Immobilie in den Besitz des tschechoslowakischen Staats über. Doch obwohl Bata 1939 dafür den damals marktüblichen Preis bezahlt hatte, machten die amerikanischen Anwälte der Erben in einem langen Gerichtsstreit geltend, dass es ein Zwangsverkauf von jüdischem Eigentum gewesen sei. Die Richter erkannten dann den Zusammenhang zwischen dem von den Nazis organisierten Bankrott des Modehauses, dem Freitod des Inhabers und der zum Verkauf zwingenden finanziellen Not der Witwe als Restitutionsgrund an. Die Slowaken mussten aus der Leipziger Straße ausziehen.

Dies sei die deutsche Seite der traurigen Geschichte, sagt Foltin. Die slowakische aber ist nicht minder verwirrend. Kurz vor dem Weltkrieg habe es nämlich in Berlin gleich zwei Missionsgebäude gegeben: die alte tschechoslowakischen Gesandtschaft in der Rauchstraße 27 in Tiergarten und die Gesandtschaft des slowakischen Staats (1939 - 1945) in der Rauchstraße 9. "Bei Kriegsende glaubte in Prag wohl niemand an die Zukunft Berlins als deutsche Hauptstadt", meint Foltin, "und deshalb stellte die Regierung keine Ansprüche auf die beiden Grundstücke." Außerdem lehnte die 1945 erneuerte CSR eine juristische Nachfolge des untergegangenen faschistischen slowakischen Staats ab. Da die Rauchstraße außerdem im Westteil Berlins war, stellte die DDR in den 60er Jahren der Tschechoslowakei das Grundstück in der Wilhelmstraße (damals Otto-Grotewohl-Straße) als Ersatz zur Verfügung. Die Grundstücke in der Rauchstraße gingen Anfang der 60er Jahre in den Besitz West-Berlins über. "Nach der Niederlage vor Gericht kam uns aber die Bundesrepublik großzügig entgegen", sagt der Botschafter. Trotz der eigentumsrechtlicher Brüche habe die Slowakei als eine Art Kompensation für die Rauchstraße nun ein Grundstück in der Hildebrandtstraße gegenüber der estnischen Botschaft im Wert von sieben Millionen Mark geschenkt bekommen. Dort solle in den nächsten drei Jahren ein neues Missionsgebäude gebaut werden.

Erst jetzt, im provisorischen Domizil, könne die Botschaft offensiver ihre Aufgaben anpacken. Dabei gehe es Foltin zufolge nicht zuletzt auch darum, die Slowakei in Berlin "überhaupt bekannter" zu machen. "Wir lebten lange Zeit im Schatten von anderen. In der Habsburger Monarchie im Schatten der Ungarn, in der Tschechoslowakei der Tschechen." Das sei aber kein Vorwurf, weder gegenüber dem einen, noch dem anderen Nachbarn, betont Foltin. Im Gegenteil, zu den Ungarn und besonders zu den Tschechen hätten die Slowaken heute die besten Beziehungen. Durch die unzureichende Präsenz seien aber in Deutschland noch allerlei klischeehafte, ländlich-folkloristische Vorstellungen über die Slowakei verbreitet. "Dabei sind wir ein moderner Industriestaat, und unsere Hauptstadt liegt in der unmittelbaren Nachbarschaft Wiens." Die Teilung der Tschechoslowakei im Jahr 1993 habe zwar anfangs beiden Nachfolgestaaten wirtschaftliche Nachteile gebracht. Doch angesichts der von beiden erhofften baldigen EU-Zukunft ergebe sich aus der Zweistaatlichkeit ein klarer Vorteil, sagt Foltin schmunzelnd: "Als ein Staat hätten wir nur einen Kommissar in Brüssel haben können, als Tschechische und Slowakische Republik aber zwei."

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