Berlin : Die Kinder sind die Dummen

Weil sich viele Eltern weigern, Schulbücher zu kaufen, müssen die Lehrer improvisieren: Im Unterricht werden Altbestände und Kopien benutzt

Susanne Vieth-Entus

Selbstbedienungsmentalität, Gleichgültigkeit, Bildungsfeindlichkeit – lang ist die Liste der Gründe, warum sich tausende Eltern vier Wochen nach Ferienende noch immer nicht um Schulbücher für ihre Kinder gekümmert haben. Viele weigern sich sogar, per Bescheinigung vom Sozial- oder Wohnungsamt ihren Anspruch auf vom Staat bezahlte Bücher nachzuweisen, wie der Tagesspiegel gestern berichtete. Noch ist ein Chaos in den Schulen ausgeblieben, weil die Lehrer sich mit Kopien oder mit den alten Beständen ihrer Büchereien behelfen. Aber es ist absehbar, dass sowohl die Improvisationskraft als auch die Altbestände irgendwann erschöpft sind. Noch ist nicht klar, wie es weitergehen soll.

Klar ist bisher nur, dass sich das Schulbuchproblem einfügt in das gesamte Dilemma mit kooperationsunwilligen Eltern, das ohnehin den Alltag der Schulen in sozialen Brennpunkten bestimmt: „Bei uns kommt weniger als ein Drittel der Familien zu Elternversammlungen, und nur bei jedem zehnten Schüler kümmert sich jemand zu Hause um die Schularbeiten“, berichtet eine Lehrerin der Neuköllner Kepler-Hauptschule. Die Kepler-Schule hat ganz besonders mit der neuen Schulbuchregelung zu kämpfen. Obwohl man die Eltern mehrmals angeschrieben und im Unterricht immer wieder daran erinnert habe, dass die Schüler entweder Bücher kaufen oder ihr Anrecht auf kostenlose Bücher nachweisen müssten, sind noch immer über hundert Familien im Verzug. „Von 200 bedürftigen Familien haben weniger als 30 ihre Bescheinigungen vom Sozial- oder Wohnungsamt abgegeben“, berichtet Schulleiter Wolfgang Lüdtke. Ähnlich ist es mit den Schülern, die zum Kauf verpflichtet wären, aber dennoch fortgesetzt ohne eigene Bücher erscheinen.

Die Lehrer haben nur begrenzt Verständnis für dieses Verhalten. Zwar gebe es Grenzfälle, denen es wirklich schwer falle, das Geld zu erübrigen – etwa bei Empfängern von Arbeitslosenhilfe mit mehreren Kinder, die unter Umständen zwei- bis dreihundert Euro auf einen Schlag für Schulbücher ausgeben müssten. Generell haben aber viele Lehrer den Eindruck, dass sich in etlichen Familien eine „Selbstbedienungsmentalität“ breit mache – immer nach dem Motto: Der Staat wird die Bücher letztlich schon kaufen. Oder anders ausgedrückt: „Die arbeiten, sind die Dummen“, wie Neuköllns Volksbildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) verärgert feststellt.

Wie berichtet, ist Schimmang wild entschlossen, über säumige Eltern Zwangsgelder zu verhängen, um sie auf diese Weise an ihre Pflichten in Sachen „Bücherkauf“ zu erinnern. Im Unterschied zu einigen seiner Amtskollegen ist er der Meinung, dass die Vernachlässigung der elterlichen Pflichten konsequent verfolgt werden muss. Schimmang lässt auch den Einwand nicht gelten, dass Bußgeldverfahren nichts brächten, da die Eltern ohnehin nicht zahlten. Er verweist auf sein vergleichbares Vorgehen bei Schwänzern. Auch hier beschreitet Schimmang regelmäßig den Rechtsweg – und gewinnt: Zur Not wird das Bußgeld von der Sozialhilfe abgezogen.

Mit gleichgültigen Eltern machen insbesondere Hauptschulen ständig ihre Erfahrungen. „Von unseren 60 Siebtklässlern waren nur zehn Eltern bei den Elternversammlungen“, berichtet Andreas Kuhlmann, Leiter der Theodor-Plievier-Hauptschule in Wedding. Er beschreibt seine Familien als „bildungsfern bis bildungsfeindlich“. 80 Prozent dieser Siebtklässlerfamilien leben von staatlicher Stütze. Das sei „schon irre“, entfährt es Kuhlemann, der in seinem Bezirk schon einiges an sozialer Schieflage erlebt hat. Immerhin hat es Kuhlmann geschafft, dass etwa 65 Prozent seiner 300 Schüler Bescheinigungen vorgelegt haben, um ihre Befreiung vom Schulbuchkauf zu erwirken. So konnte er wenigstens planen und die Bücher bestellen. Allerdings gibt es noch etliche Schwänzer, von denen er nicht weiß, ob die Eltern sich um die Bücherfrage gekümmert haben.

„Die Gleichgültigkeit der Eltern geht durch alle Berufssparten“, heißt es aus der Charlottenburger Schlesien-Hauptschule, wo sich auch nur ein knappes Drittel der Eltern in der Schule sehen lässt. Oft seien die alleinerziehenden Eltern allerdings auch nicht in der Lage, zu den Abendterminen zu kommen, besonders dann, wenn noch andere kleine Kinder zu Hause lebten. An der Schlesien-Schule haben allerdings fast alle Familien inzwischen ihre Schulbücher besorgt oder Bescheinigungen vorgelegt.

Besonders große Probleme mit den Lehrbüchern haben Schulen mit hoher Ausländerrate. So gibt es türkische Familien, die es aus Gründen der Tradition nicht einsehen, warum ihre Mädchen überhaupt mehr als sechs Jahre zur Schule gehen sollen. Diese Familien sind erst recht nicht bereit, auch noch Geld für die Schulbücher ihrer Töchter auszugeben: „Ihnen wäre es am liebsten, wenn ihre Töchter zu Hause den Haushalt machten“, berichtet eine erfahrene Neuköllner Hauptschullehrerin.

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