Die Kirche zur Sonntagsöffnung in Berlin : "Ohne Sonntag gibt es nur noch Werktage"

Das Grundgesetz hat den Schutz des Sonntags unter einen besonderen Schutz gestellt. Konsistorialpräsident Jörg Antoine hält diesen für unersetzbar.

Jörg Antoine
An zehn Sonntagen im Jahr dürfen die Geschäfte in Berlin geöffnet haben.
An zehn Sonntagen im Jahr dürfen die Geschäfte in Berlin geöffnet haben.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Sollen die Ladenöffnungszeiten gelockert, das Sonntagsarbeitsverbot aufgeweicht werden? Der Handel sieht in der Ladenöffnung am Sonntag einen Wettbewerbsvorteil. Er biete Planungssicherheit und stärke die Entwicklung der Innenstädte. Mir ist verständlich, dass das aus wirtschaftlichen Gründen als wichtig angesehen wird. Doch die gesellschaftlichen Kosten dafür sind hoch und letztlich zu hoch.

Jörg Antoine wird ist Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche Berlin, Brandenburg, schlesische Oberlausitz.
Jörg Antoine wird ist Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche Berlin, Brandenburg, schlesische Oberlausitz.Foto: Promo

Als Kirche fragen wir danach, was dem Leben und dem Zusammenleben wirklich dient. Der Mensch ist die beste Ressource, die unsere Gesellschaft hat. Und die müssen wir schützen. Der Sonntag ist ja für den Menschen da. Daher ist die Sonntagsruhe im Grundgesetz verankert. Sie schafft Zeit zur Regeneration, in der Leistung und Gewinnmaximierung einmal nicht das Leben beherrschen. Dies gilt gerade in Zeiten zunehmender Belastung, die durch steigende Zahlen von Depressionen und Burn-Out gekennzeichnet sind. Der ständig steigende Leistungsdruck zehrt uns emotional aus. Wir brauchen einen verlässlichen Rhythmus von Arbeits- und Feiertagen.

Wir brauchen Zeiten für das gemeinsame Zusammensein

Es ist zu kurz gedacht, wenn man auf einzelne freie Tage in der Arbeitswoche verweisen würde. Was unsere Gesellschaft stark und leistungsfähig macht, ist der freie Tag pro Woche als Auszeit für alle Menschen. Wir brauchen in den Familien und in unserer Gesellschaft Zeiten für das gemeinsame Zusammensein. Der Sonntag als verbindliche Ruhezone für Familien und Freunde unabhängig ihres Glaubens oder ihrer Weltanschauung. Um Beziehungen zu pflegen, müssen sich Menschen darauf verlassen können, am Sonntag füreinander da zu sein: gemeinsam frühstücken, Kulturveranstaltungen besuchen und Ausflüge machen zu können.

Konsum ist kein Ersatz für das zweckfreie Miteinander

Unseren Gemeinden und Gottesdienstbesuchern ist die verlässliche Zeit für den Sonntagsgottesdienst wichtig. Konsum ist kein Ersatz für das zweckfreie Miteinander. Es darf auch nicht alles zum Anlass genommen werden, um eine Öffnung der Geschäfte am Sonntag zu erlauben. Arbeitsplätze entstehen nicht, indem wir den Konsum von anderen Tagen abziehen, auf mehr verkaufsoffene Sonntage lenken und die kleinen Geschäftsinhaber faktisch zwingen, an sieben Tagen in der Woche zu arbeiten.

Der Sonntag ist der Feiertag für jeden Einzelnen. Für jeden Einzelnen als Teil der ganzen Gesellschaft. Deshalb bin ich gegen die schleichende Aushöhlung des Sonntagsschutzes. Wir brauchen den Sonntag. Ohne Sonntag gibt es nur noch Werktage.

Jörg Antoine wird ist Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche Berlin, Brandenburg, schlesische Oberlausitz.

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