Berlin : Die Klavierspenderin

Ein alter Konzertflügel, eine jüdische Besitzerin, die Flucht nach Südafrika. Das Piano der Mutter hat viel erlebt, jetzt gibt die Tochter es weg – nach Berlin

Ariane Bemmer

Wie wenig sie doch weiß von der Geschichte, von Nazi-Terror und Judenverfolgung. Das will sie jetzt nachholen. Sie sei es ihrer Mutter schuldig, findet sie.

Tessa Uys sitzt im Jüdischen Museum, dem sie ein großes Geschenk gemacht hat. Einen Konzertflügel, gebaut 1913 in der Leipziger Pianofortefabrik Blüthner. Ihre Mutter Helga Bassel hatte das gebrauchte Instrument 1930 gekauft, für 2357 Reichsmark, Lieferung frei Haus, vierte Etage in der Neuen Kantstraße 16. Dort hat sie gelebt und gespielt, gut gespielt – Helga Bassel war Pianistin.

Tessa Uys ist heute 56 Jahre alt, eine schmale Frau mit tiefliegenden Augen. Sie ist eine gefeierte Konzertpianistin. Seit fast 40 Jahren lebt sie in London, aber ihr Englisch klingt ausländisch, so langsam und deutlich.

Als Tessa Uys 1948 auf die Welt kommt, steht der Flügel in Kapstadt. Helga Bassel hatte dort den Organisten Hannes Uys geheiratet, sie haben zwei Kinder, Gerhard und Tessa. Zu Hause wurde Deutsch, Englisch und Afrikaans gesprochen. Nazis sind kein Thema - wenn es um Deutschland geht, dann um Furtwängler, Brahms oder Beethoven. Es sei eine fröhliche Zeit gewesen, sagt Tessa Uys. Aber auf der Mutter, die das verborgen hält, lastet etwas. 1969 nimmt sie sich das Leben.

Jahr um Jahr kehrt die Tochter aus London nach Kapstadt zurück, wo sie auf dem Blüthner-Flügel spielt. Seinen besonderen Klang habe sie schon im Bauch der Mutter gehört, sagt sie. „Er klingt lyrisch.“ Als der Vater vor 13 Jahren stirbt, bewahrt sie das Haus und behält ihre alljährlichen Reisen zum Flügel bei: „Ich habe mehr Zeit meines Lebens hinter dem Blüthner verbracht als sonst irgendwo.“

Vor einem Jahr dann rührt sie erstmals die Papiere, Briefe und Fotos an, die ihre Mutter hinterlassen hat. Was die Tochter findet: einen Brief der Reichsmusikkammer, in dem steht, dass Helga Bassel ausgeschlossen wird, weil sie „Volljüdin“ ist. Was die Tochter heute auch weiß: Die Mutter war in Berlin verlobt, mit einem Geologen, er war Christ. Sie ist konvertiert seinetwegen. Den Nazis reicht das nicht. Die haben ihrem Verlobten eine Stelle in Aussicht gestellt, er solle dafür aber die Verbindung lösen. Er tat das. Kurz darauf, 1936, floh Helga Bassel mit ihrem Bruder nach Südafrika. Mit dabei der Blüthner-Flügel.

Es sei eine Erleichterung gewesen, herauszufinden, dass ihre Mutter Jüdin war, sagt Tessa Uys. Eine Bereicherung, ein großes Geschenk. Sie hat sich an das Jüdische Museum in Berlin gewandt, ob die ihr bei der Spurensuche helfen können, und es entstand eine herzliche Beziehung.

Das Instrument, das sie durch ihr ganzes Leben begleitet hat, ist plötzlich mehr als nur ein Instrument. Es ist ein Zeichen, ein Symbol. Zwei Weltkriege, das Nazi- und das Apartheid-Regime und deren Untergang hat es überlebt. Das ist zu viel für ein leeres Haus in Kapstadt. Es dauert nicht lange, bis Tessa Uys beschließt, das Piano solle nach Berlin zurückkehren. Die Freunde des Jüdischen Museums sammeln Geld, das Klavier wird verschifft, im Frühjahr kommt es in Hamburg an und wird nach Leipzig gefahren, in die Pianofortefabrik Blüthner, die ebenfalls zwei Weltkriege, die Nazis und die DDR überlebt hat. Ein Blüthner-Nachfahre restauriert den Flügel aus der Vergangenheit seiner Firma. Er ist begeistert von dem Wiedersehen.

Tessa Uys geht mit eiligen Schritten durch den Konzertraum im Jüdischen Museum, die Stufen zum Podest hoch, und schon sitzt sie am Flügel und spielt. „Hören Sie“, ruft sie und die Finger tanzen auf den Tasten, die aus Elfenbein sind, „hier ist der Blüthner-Klang“. Während draußen der Nieselregen niedergeht, spielt sie Lieder, die die Mutter ihr in Südafrika vorgespielt hat, und Lieder, die die Mutter als junge Frau in Charlottenburg spielte. Der Blüthner-Flügel ist zurück – für Tessa Uys eine Art „universeller Triumph“.

Der Flügel ist im Jüdischen Museum im Segment „Im Schoße der Familie, 1850 – 1933“ zu sehen (Lindenstr. 9, Kreuzberg)

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