Berlin : Die Kleine aus der Revue

Das Kinderensemble des Friedrichstadtpalast wird 60. Berbé Schmidt gehörte zu den ersten Mitgliedern

Heidemarie Mazuhn

Goldgelbe Küken schwenken ihre staksigen Beinchen in exakter Chorusline. Farbenprächtig gewandete Bauchtänzerinnen winden ihre schmalen Hüften im Getümmel eines türkischen Basars – im Friedrichstadtpalast gibt es kaum etwas, was das hauseigene Kinderensemble nicht schon dargestellt hat. 250 Mädchen und Jungen zwischen 6 und 16 Jahren stehen im größten Revuetheater Europas mit auf der Bühne und präsentieren dort alljährlich eine eigene Revue unter dem Motto: „Kinder spielen für Kinder“ – vor stets ausverkauftem Haus.

Angefangen hat alles vor 60 Jahren Am Zirkus 1 – das war 1945 die Adresse des alten Friedrichstadtpalastes, der damals „Palast der 3000“ hieß. In dem regnete es noch durch die zerbombte Decke – da hob sich am 17. August 1945 dort der erste Vorhang. Auch schon für und mit Kindern wurde gespielt. Bald darauf kam auch ein Mädchen namens Berbé Bernstorff an. Am 17. März 1946 erhielt sie ihren ersten Dienstausweis für den „Palast der 3000“, da war sie gerade viereinhalb Jahre alt. Kurz nach der Wiedereröffnung hatte sie mit ihrer Mutter und einer Tante dort eine Vorstellung besucht. „Da war ich so hippelig, dass meine Tante mit mir rausgegangen ist“, erinnert sich die heute 63-jährige Berbé Schmidt. Ein Besuch mit Folgen. Denn Berbé fiel Hilde Altmann-Vogt auf, mit deren Ballettschule in Charlottenburg der Palast einen Vertrag hatte. „Hast du Lust hier mitzumachen?“, fragte die Ballettmeisterin. Und Berbé hatte.

Fast täglich – manchmal nachmittags und abends – stand sie fortan auf der Bühne. Heute undenkbar – da müssen die jährlich 50 neu ins Kinderensemble aufgenommenen Sechs- bis Siebenjährigen bei einer Aufnahmeprüfung ihre körperliche Eignung und Begabung zeigen. Dann heißt es zwei Jahre lang zweimal wöchentlich eisern trainieren, bevor es auf die Bühne geht. Letzteres übrigens auch nur achtmal monatlich. Und damit es keine unersetzlichen „Superstars“ mit daraus resultierendem Neid und Konkurrenzdruck gibt, ist Doppelbesetzung im Kinderensemble angesagt.

Im Nachkriegs-Berlin dagegen wurde Berbé so etwas wie ein Kinderstar. In zwei dicken Aktenordnern hat ihr Vater den tänzerischen Werdegang der Tochter archiviert. Sogar die getrockneten Blumen hat er liebevoll eingeklebt, die „Onkel Lupo“, wie die kleine Tänzerin den damaligen Intendanten Nicola Lup nannte, ihr zu Premieren sandte. Auch die Telegramme, die ab 1947 die Schülerin aus dem Unterricht zur Probe holten. 1949 durfte sie sogar singen – „Hallo Berlin“, krähte sie bei der Aufführung des „Stralauer Fischzugs“ ins Mikro.

Ihren ersten winzigen Soloauftritt 1946 gestaltete die Fünfjährige unfreiwillig zur komischen Nummer – „ich stand auf Spitze und verlor plötzlich mein Höschen“, erzählt die noch immer grazile Tänzerin. „Der Kapellmeister und das Publikum haben gelacht. Ich auch, dann habe ich weitergetanzt.“

Aufgehört hat die Reinickendorferin bis heute nicht. Im Friedrichstadtpalast hatte sie im Mai 1950 in „Rummel, Rummel“ ihren letzten Auftritt, dann wechselte sie zum Kinderballett der Staatsoper. Am 15. März 1951 begann dort ihre erste Spielzeit – als Täubchen und als Mohr in „Dornröschen“. Essen war im Übrigen nie ihre Stärke – „nur die elterliche Androhung, dass ich nicht mehr auftreten darf, brachte mich dazu.“ Als die 14-Jährige 1954 in „La Traviata“ mitwirkte, „dachten alle, ich sei die Schwindsüchtige“. Mit 17 folgte die Abschlussprüfung als Berufstänzerin.

Im ersten Berufsengagement am Theater in Trier tanzt Berbé gleich zweimal hintereinander fast hochschwanger noch auf der Bühne: 1959 wird Sohn Marco, 1960 Tochter Daniela geboren. Die Kinder nimmt sie später mit, den Konditor-Ehemann lässt sie in Trier; tanzt danach im Stadttheater Rheydt, bevor sie ans Theater des Westens geht, einen Berliner Polizisten heiratet und 1966 zum dritten Mal Mutter wird. Ehe Nummer drei folgt 1976. Mit Bodo, dem Großhändler vom Fruchthof, ist sie bis heute glücklich .

Wann die quicklebendige Frau vom Tanzen lässt, steht indes den Sternen. Mit 35 hat sie zwar ihre Laufbahn als Berufstänzerin beendet. Aber als Altenpflegerin tanzen nun Senioren unter ihrer Anleitung – Steptanz, Gymnastik und Männer-Ballett gehören zu den Schmidtschen Angeboten. Zweimal jährlich auch „Schmidt’s Varieté“ – das ist bis März 2006 ausverkauft.

Kinderrevue wird 60 – Geburtstags-Gala im Friedrichstadtpalast: 19. Juni, 11 Uhr. Ab 13 Uhr 30 Theaterfest. Karten ab sofort an den Theaterkassen und unter der Rufnummer 2326 23 26.

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