Berlin : Die kleine Körperwelt

Schon lange bevor Gunther von Hagens plastinierte Leichen zeigte, wollten Menschen sehen, wie’s im Körper aussieht. Eine Berliner Ausstellung um den Klassiker der Anatomiebücher zeigt das jetzt. Aber Achtung: kein Eintritt für Kinder

Adelheid Müller-Lissner

Der Mann ist schon ein bisschen älter. Er hat eine Warze am Kinn und Furchen auf der Stirn. Mit leicht geöffnetem Mund scheint er zu schlafen. Aber dann schaut man ein wenig tiefer und sieht: Haut und Fettgewebe am Hals sind aufgeklappt. Darunter Sehnen und Adern.

Der Mann auf der Zeichnung schläft nicht. Er ist tot, und sein Körper wurde in einem anatomischen Institut sorgsam aufgeschnitten. Das Bild, das von einer längst vergangenen Sektion erzählt, stammt aus einem Buch, das erstmals vor 100 Jahren erschien – und es inzwischen zur 21. Auflage gebracht hat. Der Autor, Johannes Sobotta (1869-1945), Anatomieprofessor in Würzburg, Königsberg und Bonn, hatte für dieses Lehrbuch mit hervorragenden Zeichnern zusammengearbeitet: 15 von ihnen arbeiteten 20 Jahre lang daran. Sogar noch bei der Frankfurter Buchmesse 2000 wurde der immer wieder aktualisierte mehrbändige Wälzer als „eines der schönsten Bücher“ überhaupt prämiert.

Eigentlich ist „der Sobotta“ ja ein Werk für Insider. Ein Lehrbuch. In einer umfassenden Sonderausstellung des Berliner Medizinhistorischen Museums dürfen zurzeit aber auch Laien darin lesen, Originalzeichnungen anschauen oder am Computer-Bildschirm 3-D-Bilder anklicken. „Erstaunlich, welche Geheimnisse dem Menschen für immer verborgen bleiben, der die Medizin und ihre Geschichte meidet“, hat ein Besucher vor kurzem ins Gästebuch geschrieben.

Dass der Körper und sein Inneres dem Menschen so fremd geworden ist, dass er so staunt wie jener faszinierte Besucher, das ist medizinhistorisch gesehen relativ neu. Es gab eine Zeit, in der Nichtmediziner es fast zum Freizeitvergnügen erhoben, Hörsäle zu besuchen, in denen Leichen zerschnitten wurden, und sich am vielgestaltigen Inneren zu ergötzen; es muss wie Kino gewesen sein. Der Anatom Andreas Vesal aus Padua (1514-1564) illustrierte sein Lehrbuch „De humani corporis fabrica“ mit einem Titelbild, auf dem zu sehen ist, wie ein Kollege einer Traube von Zuschauern die Eingeweide eines Leichnams erläutert. Rembrandt malte 1632 eine ähnliche Szene, als er Doktor Nicolaas Tulp bei einer Anatomielektion beobachtete.

Die Bühne für diese Art öffentlicher Veranstaltungen boten „anatomische Theater“; das erste stand damals in Padua und kann heute noch besichtigt werden. An diesem Ort schnitten die Anatomen ihrer Zeit nicht nur, sie forschten auch, lehrten und sammelten, sagt Thomas Schnalke, Leiter des Berliner Medizinhistorischen Museums in der Charité. Von den ansteigenden Sitzreihen aus hatten Zuschauer freien Blick auf den Toten in der Mitte. Medizinstudenten wollten hier lernen, aber auch Bader, Barbiere, Hebammen, Wundärzte und Apotheker.

Auch in Berlin gab es so ein anatomisches Theater. 1713 wurde es gebaut, Ecke Dorotheen- und Charlottenstraße. König Friedrich Wilhelm I. höchstpersönlich eröffnete es. Ihm, der dort gleich seinen an Schwindsucht verstorbenen Kammerdiener sezieren ließ, ging es vor allem um eine bessere Ausbildung der Militärärzte. Ob Laien im „Theatrum anatomicum Berlinense“ Sektionen live miterleben durften oder ob an Leichen nur Vorlesungen gehalten wurden, wissen selbst Experten heute nicht mehr. „Auf jeden Fall stank es, man hat den Tod gerochen und gesehen“, sagt Historiker Schnalke.

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein war der Bedarf nach Leichen für Sektionen beträchtlich, denn es fehlten gute Konservierungsmethoden; junge Anatomen sollen in ihrer Not sogar Gräber geöffnet haben. Horrorgeschichten über die „Auferstehungsmänner“, die selbst vor Morden nicht zurückschreckten, um Leichen für anatomische Vorführungen liefern zu können, machten der Bevölkerung in England und Schottland aber so viel Angst, dass 1832 der „act of anatomy“ erlassen wurde, der öffentliche Sektionen verbot.

In Deutschland machte sich zu jener Zeit kein Geringerer als der alte Herr von Goethe noch kurz vor seinem Tod dafür stark, anatomische Wachsfiguren-Kabinette einzurichten, wie man sie schon in Florenz und Wien hatte. Der große Berliner Pathologe Rudolf Virchow (1821-1902) wünschte sich später eine öffentliche Schausammlung von Präparaten. „Man kann ja das große Publikum nicht einladen, zu den anatomischen Operationen zu kommen, die in einem Leichenhause stattfinden“, sagte er. Trotzdem wollte er durch „unmittelbare Anschauung“ zur medizinischen Bildung der Bevölkerung beitragen. Popularisierung von Wissenschaft war das Ziel des demokratisch gesinnten Pathologen. Seine Sammlung umfasste schließlich mehr als 23 000 Stücke: Mit 1000 wurde sie 1998 wieder eröffnet. Im Museum der Charité.

Nicht nur unterschiedliche Arten von Tumoren oder mächtige Blasen- und Nierensteine sind heute in den Vitrinen des Museums ausgestellt, sondern auch Wasserköpfe und siamesische Zwillinge. Schon seit 1724 herrschte in Preußen nämlich Order, „Missgeburten“ zu sammeln. Zwei Brüder mit extrem kleinem Schädel und Gehirn, „ohne alle höheren Geisteskräfte“, wurden schon zu Lebzeiten untersucht, ihre Leichen wurden dann gleich nach ihrem frühen Tod aus Bromberg im heutigen Polen als „Naturalien" auf den Weg nach Berlin geschickt.

Nicht nur die Konservierungs- und Transportmöglichkeiten haben sich seitdem drastisch verändert. Längst enthält jeder Atlas der Anatomie auch Abbildungen, die der Computergrafik oder den Schnittbild-Techniken der Computertomografie oder Magnetresonanztomografie zu verdanken sind. Doch die guten alten Zeichnungen behaupten sich. „Sie halten auch im virtuellen Jahrhundert stand“, sagt Schnalke. Sie können nämlich etwas, das Fotos und Schnittbilder nie schaffen werden: Wesentliches herausstellen, Nebensächliches einfach weglassen – kurz: den Blick dirigieren. Das macht sie als Lernhilfe unersetzlich.

„Der Mensch im Bild: 100 Jahre Sobotta Anatomie-Atlas“: Die Veranstaltung, die bis 19. September laufen sollte, ist bis 24. Oktober verlängert worden. Schumannstraße 20/21. Montags und an Feiertagen geschlossen, 4 Euro. Die Karte berechtigt auch zum Besuch der ständigen Ausstellung „Körperbilder – Krankheitsbilder“. Unter-16-Jährigen wird der Besuch nicht empfohlen, allenfalls in Begleitung Erwachsener.

Die Abbildungen stammen aus dem u.a. von Thomas Schnalke herausgegebenen Buch „Auf Leben und Tod. Beiträge zur Diskussion um die Ausstellung Körperwelten“ (Steinkopf) sowie aus einer Reproduktion von Andreas Vesals „Fabrica“.

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