Berlin : Die Knast-Kapelle

In der JVA Moabit versucht die Trainerin San Ra, Häftlinge zu einer Rockband zusammenzuschweißen. Musikalische Vorkenntnisse? Sehr dürftig. Da müssen sie eines vor allem lernen: sich etwas trauen.

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Die künftigen Rockstars sitzen etwas gelangweilt im Halbrund. Bislang existiert ihre Band nur als Skizze auf einem Bogen Packpapier. Tenorsaxofon? Altsaxofon? Alle Finger bleiben unten. San Ra, die Bandchefin, macht Mut: „Saxofon ist ein Kinderinstrument. Total einfach. Keine Angst. Wir sind cool und haben Spaß.“

16 junge Männer zwischen 20 und 35 versuchen seit einer Stunde, cool zu sein, während Trainerin San Ra ihnen die Coverband erklärt, zu der sie verschmelzen werden. So macht sie es auch mit Bankern oder Jugendlichen aus dem Problemkiez. Diesmal besteht die Band eben aus Knackis auf Zeit, Untersuchungshäftlingen der JVA Moabit. 14 Hits will San Ra mit ihnen einüben, in sechs Wochen, Klassiker von den Eagles, Doors, Queen und Neil Young. Das geht, sagt sie. Klar geht das. Geht total schief, denken die Knackis.

Beim ersten Treffen zeichnet San Ra die Bandstruktur auf Papier. Alle bekommen ihren Platz zugewiesen, keiner bleibt außen vor. Die Leute, die schon mal ein Instrument gespielt haben, helfen den Totalanfängern. Nils, der schüchterne Junkie, der wegen Beschaffungskriminalität hier ist und auf einen Therapieplatz wartet, Halbprofi auf dem Klavier, zeigt Benni (Name geändert), wie er Akkorde auf dem Keyboard greifen muss. Benni ist wegen Körperverletzung hier und wartet auf seinen Prozess.

Nils ist unsicher, ob er das kann, anderen etwas beibringen, aber Sara in ihrer zupackenden Art füllt den Raum mit einer Überdosis Zuversicht. „Ich vertraue ihr“, sagt Nils. Also versucht er es mal. Darum geht es hier: sich etwas trauen, was eigentlich unmöglich klingt, ackern, nicht aufgeben, und irgendwann den Erfolg spüren. Toll findet Nils, dass sie die Instrumente zum Üben mitnehmen dürfen in die Zelle. „Das ist besser als immer nur fernsehen und Bücher lesen.“

Zwei Russen übernehmen die Saxofone, pusten vergeblich hinein und lachen. Es sind aber auch Profis dabei. Einer der Kurden, Künstlername Azad, singt Volkslieder auf traditionellen Hochzeiten. Hier drinnen wird er zusammen mit Spike, Ex-Frontmann der Punkband Betontod, den Gesangspart übernehmen. Spike hat öfter gegen Nazis demonstriert und Ärger mit der Polizei bekommen. Sein mutmaßliches Delikt: Landfriedensbruch. Eigentlich wurde er freigesprochen, aber die Staatsanwaltschaft legte Revision ein. Wann erneut verhandelt wird, weiß er nicht.

In der Untersuchungshaft gibt es nur für die Hälfte der Häftlinge Arbeitsmöglichkeiten, die andere Hälfte sitzt 23 Stunden in der Zelle. Da ist jede Abwechslung recht. Für das Bandprojekt gibt es eine Warteliste. Am 21. Juni ist das Konzert vor 140 geladenen Gästen, Mithäftlingen. Interne Konzerte sind für die JVA günstiger, sie muss dann keine Gema-Gebühren zahlen.

San Ra bietet sonst Seminare für „empathische Mitarbeiterführung“ und „Teambuilding“ an. Unternehmen, Behörden oder Schulen sind ihre Kunden. Die Teilnehmer übernehmen eine ungewohnte Rolle, sie werden „neu orchestriert“, da lernen sie sich dann völlig anders kennen. Das Ziel: neue Ideen, mehr Motivation und schlummernde Potenziale heben.

Im Gefängnis sind die Ziele bescheidener: Gewalt vorbeugen, Abwechslung bieten, Selbstvertrauen aufbauen für die Zeit danach. Und: gegenseitiger Respekt. „In einer Band sind alle gleich viel wert“, sagt San Ra, die mal Lehramt in Rostock studiert hat. Ihre Fächer: Musik, Englisch.

Nach drei Stunden ist Raucherpause. Die komplette Band schwirrt ab in den Hof. Rico, der Drummer, ein schlaksiger Blonder mit Kinnbart, erzählt, dass er schon in einer Band im Kinderheim gespielt hat, als Siebenjähriger. Er wurde Punker, lebte auf der Straße, nahm Drogen und ... na ja, jetzt hofft er, dass er vernünftig bleibt draußen. Er möchte Festivals veranstalten und unbekannte DJs groß rausbringen.

Sebastian, 23, als Bassist gecastet, hat als Einziger Häftlingskleidung an, klassisch blau gestreift. Er habe seine Bewährungsauflagen verletzt, erzählt er, jetzt muss er zwei Jahre absitzen und hofft, dass er in der JVA eine Ausbildung machen kann. Ihm imponiert San Ra, vor allem ihre „extrem optimistische Ausstrahlung“.

Zurück im Probenraum stellen sich alle wieder in Bandformation auf. San Ra versucht mit stoischer Geduld, die Einsätze zwischen Keyboardern, Drummern und Gitarristen abzustimmen. Gespielt wird „T. N. T.“ von AC/DC, „das kommt wie eine Wand, alle machen dasselbe, welche Finger ihr nehmt, ist egal“. Das Stück ist einfach zu lernen und extrem geeignet zum Abbau von zu viel Testosteron. Spike ist beim Singen viel zu leise und unsicher. Aber das wird noch.

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