Berlin : Die Kraft der zwei Herzen

Vanessa Redgrave besuchte Berlin – aber nicht wegen der Berlinale

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In Vanessa Redgraves Brust schlugen immer zwei Herzen: das eine für Film und Theater, das andere für politisches und humanitäres Engagement. Gestern war die Schauspielerin auf politischer Mission in Berlin unterwegs, um bei der Vorstellung des Unicef-Berichtes zur „Lage der Kinder in Krisengebieten 2006“ dabei zu sein.

„Armut, Aids und bewaffnete Konflikte sind die drei größten Bedrohungen für Kinder“, fasste die Engländerin zusammen. Neben ihr auf dem Podium saßen Heide Simonis, Vorsitzende von Unicef-Deutschland, Entwicklungshilfe-Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul und Dan Toole, der Leiter der Unicef-Nothilfeprogramme. Sie alle betonten, wie wichtig es sei, neben den großen Katastrophen wie dem Tsunami in Südostasien Anfang 2005 auch die sich langsam entwickelnden Krisen im Blick zu haben. „Derzeit sind nur vier von 25 Nothilfeappellen zu 50 Prozent finanziert“, rechnete Heide Simonis vor, die erst vor kurzem den Vorsitz der Kinderhilfsorganisation in Deutschland angetreten hat. Derzeit bleiben 1,5 Millionen Kinder, die nach Angaben der Unicef im südlichen Afrika an Hunger leiden, von der Öffentlichkeit weitestgehend unbeachtet. Dan Toole betonte: „2005 war ein Jahr von nie da gewesenen Noteinsätzen.“ Während 1995 noch vor allem bewaffnete Konflikte die Hauptgründe für Unicef-Einsätze waren, so sind es heute zunehmend Umweltkatastrophen. Deren Zahl sei um 15 Prozent gestiegen, sagte Toole.

Vanessa Redgrave will durch ihre Auftritte auf die Arbeit des UN-Kinderhilfswerks aufmerksam machen. „Vielleicht ist es hilfreich, wenn ich hier neben der Ministerin und den Unicef-Leuten sitze. Ich kann der Wind in ihren Segeln sein.“ Die inzwischen 69-Jährige sieht in ihrem Alter zwei Vorteile für ihre Rolle als Botschafterin: „Ich habe einen historischen Blick über das, was erreicht wurde. Darüber hinaus weiß ich, wie man mit Kindern umgeht, schließlich bin ich selbst Großmutter.“ Sie sagt, dass es für sie dasselbe geworden ist, ein Auge auf die Welt und auf ihre Familie zu werfen.

Einen Blick zur Berlinale riskiert sie allerdings nicht. Andere Termine verhinderten einen Besuch auf den Filmfestspielen. Schlägt ihr eines Herz lauter als das andere? „Ja“, betont sie, „wenn ich wählen müsste, würde ich mich immer für die Arbeit in Hilfsorganisationen entscheiden.“

Seit 1995 ist Redgrave Unicef-Botschafterin. 1977 bekam sie für ihre schauspielerischen Leistungen im Film „Julia“ den Oscar. Abseits der Leinwand setzte sie sich für ihre politische Positionen ein. So unterstützte sie in ihren Reden die irische IRA und Jassir Arafats PLO und nahm an Demonstrationen gegen die USA teil. Erfolglos kandidierte sie für die trotzkistische Arbeiterpartei um den Einzug in das britische Parlament. mj

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