Berlin : Die kranke Hauptstadt hat die meisten Ärzte

Berlin hat bundesweit die meisten Klinikmediziner. Statistisch wären 2000 Stellen verzichtbar. Deshalb lehnen die Kassen Neueinstellungen ab

Ingo Bach

Berlin ist die Hauptstadt der Ärzte. Nachdem schon faktisch ein Niederlassungsverbot für neue Arztpraxen verhängt wurde, weil es in der Stadt zu viele freiberuflich praktizierende Mediziner gibt, ist Berlin nun auch Spitze bei den Krankenhausärzten. Nach den gestern veröffentlichten Daten des Statistischen Bundesamtes kümmerte sich im Jahr 2001 in Berlin ein Mediziner täglich um durchschnittlich drei Klinikpatienten, der Bundesdurchschnitt liegt bei vier Kranken. In Brandenburg dagegen musste ein Krankenhausarzt deutschlandweit die meisten Patienten versorgen. Hier ist ein Vollzeit-Arzt täglich für fast fünf belegte Krankenhausbetten verantwortlich.

Theoretisch könnten diese Zahlen für viele Berliner Krankenhausärzte düstere Zukunftsaussichten bedeuten. Denn folgt man den statistischen Angaben, wären im Vergleich zum Bundesdurchschnitt von den derzeit rund 6400 vollzeitbeschäftigten Berliner Klinikärzten 2000 verzichtbar. Allein der landeseigene Klinikkonzern Vivantes hat kürzlich für das eigene Unternehmen ein „theoretisches Einsparpotential“ von 350 Vollzeitärzten errechnet, wollte man die Belegschaft auf den Bundesdurchschnitt absenken. Derzeit sind in den neun Vivantes-Kliniken 1420 Mediziner beschäftigt.

Ein solcher Personalabbau bedeutete „eine erhebliche Gefährdung der medizinischen Versorgung der Berliner“, protestierte sofort die Ärztekammer. Und auch die jüngste Statistik wird vom Berliner Ärztekammerpräsidenten Günther Jonitz mit Skepsis betrachtet. Wesentliche Fakten würden in dem Vergleich ausgespart. „Die Frage ist doch, wie viele von den Ärzten tatsächlich mit Patienten arbeiten und wie viele zum Beispiel nur mit der Verwaltung beschäftigt sind“, sagte Jonitz dem Tagesspiegel. Außerdem sei Berlin nun mal die „kränkste Stadt Deutschlands“: Die meisten Aids-Patienten lebten hier oder die meisten Tuberkulose-Kranken. Und in manchen Stadtbezirken liege die Lebenserwartung um Jahre unter dem Bundesdurchschnitt. „Wo es viele Kranke gibt, da muss es logischerweise auch viele Ärzte geben“, sagt Jonitz.

Und es sollen noch viel mehr werden. Mit den neuen Arbeitsmarkt-Gesetzen der Bundesregierung, die Mitte Dezember vom Bundesrat verabschiedet werden sollen, wird auch die Arbeitszeit der Krankenhausärzte neu geregelt, sprich verringert. Denn nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) gilt auch der Bereitschaftsdienst der Mediziner als normale Arbeitszeit. Die Berliner Krankenhausgesellschaft hat errechnet, dass allein dadurch im kommenden Jahr 1000 neue Ärzte eingestellt werden müssten.Die Ärztekammer spricht sogar von 1600 zusätzlich notwendigen Stellen.

Und den Kliniken droht im kommenden Jahr noch mehr teures Ungemach. Denn im Herbst 2004 wird der Arzt im Praktikum abgeschafft. Die jungen Mediziner, die gezwungenermaßen nach dem Studium im Krankenhaus für anderthalb Jahre arbeiten müssen, sind billige Arbeitskräfte. Sie kosten nur knapp die Hälfte eines Assistenzarztes.

Bezahlen sollen das alles die Krankenkassen. Doch mit den neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Rücken winken diese ab. „Der durch das EuGH-Urteil verursachte zusätzliche Personalbedarf ist in Berlin offensichtlich schon längst befriedigt“, sagt der Sprecher der Berliner Ersatzkassen, Andreas Kniesche. „Die Forderungen der Krankenhäuser nach mehr Arztstellen betrachten wir deshalb als überflüssig.“

Schlechte Aussichten also für die rund 800 arbeitslos gemeldeten Mediziner in Berlin.

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