Berlin : „Die Kriegserlebnisse wirken bis heute nach“

Der Psychologe und Autor Jürgen Müller-Hohagen sagt, dass Angst, Flucht und Vertreibung bis in die vierte Generation fühlbar sind. Er schätzt: 25 Prozent der Deutschen leiden immer noch unter Nachwirkungen der Nazizeit. Über Traumata und Therapien

Michaela Himmel

— Jürgen Müller-Hohagen: „Verleugnet, verdrängt, verschwiegen. Seelische Nachwirkungen der NS-Zeit und Wege zu ihrer Überwindung“, Kösel-Verlag, München 2005. Gebunden, für 19,95 Euro.

Herr Müller-Hohagen, Sie beschäftigen sich in Ihrem Buch mit den seelischen Nachwirkungen der NS-Zeit. Ist das 60 Jahre nach Kriegsende nicht eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen?

Ich habe nie aktiv gesucht. Ich habe einfach mit der Zeit in Gesprächen mit Klienten gemerkt, wie stark Kriegserlebnisse heute noch nachwirken, wenn man bereit ist, hinzuhören.

Wie macht sich das bemerkbar?

Es kann sein, dass eine Familie zu mir in die Beratungsstelle kommt, es sieht alles intakt aus, aber das Kind hat tiefe Ängste. Seit vielen Jahren stelle ich immer wieder fest, dass sich in solchen Fällen plötzlich Zusammenhänge auftun. Dann ist mit einem Mal zu verstehen, dass etwa Flucht und Vertreibung durchaus bis zu diesem Enkelkind weitergewirkt haben können.

Wie kann das sein?

Kinder haben feinste Antennen für das, was existenziell wichtig ist, die Sicherheit in der Familie etwa, die Beziehung der Eltern zueinander. Unklarheiten bringen sie aus dem Lot. Familiengeheimnisse, ausgesparte Stellen, wirken oft ganz massiv.

Sie schreiben, dass sich Spuren von Verdrängtem und Verschwiegenem oft noch bis in die zweite, dritte, sogar vierte Generation finden lassen. Wie viele Menschen sind da Ihrer Meinung nach betroffen?

Das ist natürlich schwer zu sagen, weil die Klienten in der Regel nicht von sich aus darüber sprechen. Schließlich suchen sie meine Beratung wegen konkreter Probleme und nicht, um über weit zurückliegende Geschichten aus der NS-Zeit zu sprechen. Insofern habe ich es bei meiner Arbeit sicher mit einer hohen Dunkelziffer zu tun. Doch wenn ich verschiedene Erfahrungen – eigene und fremde – zusammennehme, komme ich zu der Schätzung, dass nach 1945 etwa zwei Drittel der Deutschen als traumatisiert anzusehen waren. Der Anteil hat sich dann wahrscheinlich von Generation zu Generation verringert. 1988 kam ich bei einer entsprechenden Statistik unter meinen Klientenfamilien auf 43 Prozent, und für heute möchte ich davon ausgehen, dass noch mindestens 25 Prozent betroffen sind. Auch Nachkommen.

Aber dass die Eltern Probleme haben, heißt doch nicht, dass das Kind auch eines haben muss.

Traumata übertragen sich tatsächlich nicht eins zu eins von einer Generation zur nächsten, aber die Kinder bauen einiges von dem, was sie durch die Eltern von deren Leben erfahren oder auch nur unbewusst erspürt haben, in ihr eigenes ein.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich habe es sehr eindrucksvoll erlebt in der Arbeit mit einer Familie, die eng zusammenlebte und deren Kind wegen Ängstlichkeit vorgestellt wurde. Die Mutter war auffallend dick, adipös. Die Eltern der Mutter wiederum waren in mehrfacher Hinsicht traumatisiert durch Vorkommnisse während der NS-Zeit. Sie hatten ihre Heimat in Osteuropa verloren, die Großmutter war durch Euthanasie ums Leben gekommen, beide hatten Zwangsarbeit in russischen Bergwerken leisten müssen. Sie waren dann nachher außerordentlich gereizt, wenn das Enkelkind auch nur Ansätze von normalem, lebendigem Verhalten zeigte. Das wurde als aggressiv interpretiert.

Hängt auch das massive Übergewicht der Mutter damit zusammen?

Ja. Sie hatte von ihrer Mutter, also der Großmutter in unserer Geschichte, ganz falsche Signale über ihre Körperlichkeit bekommen. Wenn sie abgenommen und halbwegs normales Gewicht hatte, sagte ihr die Mutter, wie schlecht sie aussähe, und wenn sie massiv übergewichtig war, dann bekam sie zu hören, wie gut sie aussähe. Sie war fremdbestimmt durch die extreme Sorge der Mutter, so dass sie zum Essen ein gestörtes Verhältnis entwickelt hat. Das ist in vielen Familien, die damals in Krieg und Flucht gelitten haben, immer noch ein Thema.

Wie kommt es denn überhaupt zu solchen Störungen?

Viele Erlebnisse sind nach 1945 von den Erwachsenen für lange Zeit beiseite geschoben worden, wurden nicht besprochen oder wenn, in verzerrter, oft eher anekdotenhafter Form. Vieles war so überwältigend, dass sie es möglichst aus dem Bewusstsein ausklammerten mit allen möglichen psychischen Mechanismen, mit Verdrängung, Abspaltung, Verleugnung. Überwältigende Erfahrungen können wir nicht einfach so in unserer direkten Erinnerung behalten wie die Tatsache, dass wir gestern mit jemandem nett essen waren.

Psychotherapeuten sprechen immer von „Verarbeitung“. Aber das ist ein schwammiger Begriff. Was soll man tun, konkret?

Ein bloßes intellektuelles Bewusstmachen reicht meistens nicht aus. Wichtig ist immer auch ein Bearbeiten auf der emotionalen Ebene. Einiges, etwa die extreme Erfahrung von Ohnmacht, muss wenigstens annäherungsweise wieder- oder nacherlebbar werden, muss mit Freunden und Familie besprochen werden. Die Verstrickungen, die Traumata, heben sich nicht einfach so auf.

Was meinen Sie mit Traumata? Das Wort wird mittlerweile ja inflationär gebraucht.

Ein Trauma ist die Erfahrung eines Ereignisses, das in der Regel von außen kommt, auf das man in keiner Weise vorbereitet ist und das einen existenziellen Bereich betrifft. Leben. Gesundheit. Psychische Stabilität. Man ist ihm ohne wirksame Hilfe ausgeliefert. Später kann sich das über Panikattacken, Flashbacks oder auch Albträume bemerkbar machen. Der Mensch kann in seiner ganzen Lebensführung eingeschränkt sein. Entscheidend ist, dass der Rahmen des einigermaßen noch Erwartbaren bei weitem überschritten wurde. Das hat auch etwas mit allgemeinen Maßstäben zu tun. Was halten wir für möglich, das uns im Leben geschehen oder von Menschen angetan werden kann?

Ist Trauma gleich Trauma?

Es gibt grundverschiedene. Ich schreibe das auch in meinem Buch. Viele Menschen sind mit Traumatisierungen der verschiedensten Arten und Schwere aus der NS-Zeit herausgekommen. Opfer von Bombenkrieg, Flucht, Vertreibung, Vergewaltigung. Auch an Verwundungen und Leid von Soldaten in Krieg und Gefangenschaft ist zu denken, an das Mitansehen des Todes von Zivilisten, an den Verlust geliebter Angehöriger. Aber auch, dass man Täter oder Mitwisser war. Es sind viele Millionen Menschen umgebracht worden, es ist das Lebensglück von unzähligen Menschen zerstört worden. Das lastet über diesem Land.

Aber warum verarbeiten manche das leichter als andere?

Der israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky hat das Konzept der Salutogenese entwickelt. Dabei geht es um die Entstehung und Aufrechterhaltung von Gesundheit im Gegensatz zur Pathogenese, die die Entstehung von Krankheit meint. Ausgangspunkt waren Untersuchungen an KZ-Überlebenden. Er fand heraus, dass später ungefähr bei einem Drittel erstaunlicherweise gar keine Gesundheitsstörungen feststellbar waren, Depressionen etwa oder Magengeschwüre. Antonovsky sprach von einer Kraft, die manche in sich hatten, einer Fähigkeit, das Leben doch noch irgendwie bestimmen zu können. Er nannte sie „manageability“. Sie ist einfach da.

Auch in Situationen, in denen man total ausgeliefert ist?

Auch da kann eine innere Kraft sein, aus einem Glauben, aus einer Überzeugung oder aus der Liebe zum Partner. Aus etwas, das der Verfolger nicht zerstören kann. Das hat der bekannte Psychotherapeut Viktor Frankl sehr anrührend beschrieben in seinem Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“: dass das Fundamentalste in unserem Leben die Liebe ist, so banal sich das auch gerade anhören mag. Heute ist ja die Traumatherapie in vieler Munde. Die Ansätze sind in Deutschland aber erst in den letzten zehn Jahren entstanden; in meinem Psychologiestudium zwischen 1965 und 1971 zum Beispiel hat es gar nichts zu dem Thema gegeben. In Israel beispielsweise gibt es sie hingegen seit langem. Es haben schon viele meiner Kollegen festgestellt, dass sich weite Teile der deutschen Psychiatrie über Jahrzehnte außerordentlich schwer taten, die Extrembelastungen von Krieg und NS-Verfolgung anzuerkennen.

Die Menschen blieben also ohne Hilfe.

Viele hatten nach dem Krieg gar keinen Halt mehr, weder Familie, Freunde noch die Heimat. Sie haben sich dann in einer kontradepressiven, geradezu manischen Verfassung etwas Neues aufgebaut. Dass es in Deutschland – ähnlich übrigens in anderen ehemals faschistischen Ländern wie Japan und Spanien – so lange gedauert hat, bis die Bedeutung traumatischer Erfahrungen erkannt wurde, liegt meines Erachtens genau an jener NS-Zeit mit all ihrer Verherrlichung vermeintlicher Stärke und der Abwehr gegenüber dem Leiden, dessen Ausdruck als Schwäche abgetan und strikt bekämpft wurde.

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