Berlin : Die Krise wegtanzen

Mit der vierten Clubnacht hofften die Betreiber, den Besucherschwund auf den Tanzflächen der Stadt zu stoppen

Henning Kraudzun

Die Invasion der Nachtschwärmer beginnt pünktlich. Als hätte sie jemand herbeigerufen, steht ein junges und erwartungsfrohes Publikum zum Einlassbeginn vor den Türen vom Oxymoron. Viele Anzugträger sind darunter, aber auch junge Leute in legerem Outfit. Die Gäste des Restaurants räumen langsam das Feld, der DJ fährt seinen Sound hoch. Es ist das wöchentliche Procedere im Oxymoron, das auch ohne Clubnacht immer gut gefüllt ist.

Zwischen den umherstehenden und laut schwatzenden Menschen springt Olaf Kretschmar hin und her. Der Betreiber des Oxymoron und Mitbegründer der Clubnacht rotiert dabei mehr als die Angestellten. „Ich muss ja als Gastgeber was für den Abend tun“, erklärt er. Die Clubnacht soll endlich zum finanziellen Erfolg werden. Nach zwei katastrophalen Umsatzmonaten hofft er wie alle Clubbetreiber auf den Aufschwung. „Die Wirtschaftsflaute ist endgültig bei uns angekommen“, sagt Kretschmar.

Doch an Rezession denkt in den nächsten Stunden keiner. Die dänische Spaßband „Juniorsenior“, deren Frontmann aussieht wie Harry Wijnford in seinen wilden Jahren, bringt ihr Publikum schon nach wenigen Songs zum Toben. Bei „Twist and Shou“? in der x-ten Coverversion brechen alle Dämme. Es sind ideale Stimmungsvorlagen für das ältere Publikum, das seine Feier gefunden hat. Für Clubhopper ist es der turbulente Auftakt zur mittlerweilen vierten Clubnacht – elf Euro für alle Clubs, das zieht.

Im Polar TV am Lehrter Bahnhof, der nächsten Station, gibt’s ein völlig anderes Bild. Die Stimmung ist unterkühlt, so wie das gedämpfte blaue Licht. Zuckende Animationen flimmern über große Monitore neben der Tanzfläche. Der gelangweilt aussehende DJ hievt seine Housescheiben auf die Plattenteller, erste Tänzer folgen den Beats fast emotionslos. Die jungen Mädchen trauen sich zuerst, aufmerksam beäugt von breitschultrigen Gesellen am Rand. Ein wenig erinnert die Szenerie an eine Technodisko im Umland. Draußen auf dem Parkplatz verraten die Nummernschilder der Autos, die meist mit OHV beginnen, schnell ihre Herkunft.

Vor der „Lee-Harvey-Oswald-Bar“ in Friedrichshain werden sie kaum Halt machen. Ein neuer Name für eine altbekannte Location, die zuvor „Box“ und „Parole Südsee“ hieß. Auf Leuchtkästen ist der Kennedy-Mörder abgebildet, über der Bar wird in Videoloops seine Festnahme gezeigt. Partylaune kommt hier vorerst nicht auf. Anders im „Geburtstagsclub“: Zu Studio 54-Hymnen brennt auf dem großen Dancefloor die Luft. Aufgedonnerte Teenager und solariengebräunte Machos wollen ihren Spaß. Dazwischen drängeln sich überraschte Clubber, die nicht recht ins Bild passen.

Eine Blaupause des Publikums offenbart sich im „Sternradio“ am Alex. Hier residiert heute ein DJ aus London, zu seinem marschierenden Techno klirren selbst die Gläser auf dem Tresen. Unter der großen Spiegelkugel versucht jeder, beim Tanzen möglichst cool auszusehen. Viele werden bleiben, bis sie nach Sonnenaufgang nach Hause stolpern.

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