Berlin : Die Künstler-Klause

Annekatrin Looss

Zwei Seiten hat der Pfefferberg. Die eine liegt an der Schönhauser Allee und die meisten kennen sie: die Konzerthalle und den Biergarten, der einen wunderbaren Blick über den Senefelder Platz bietet. Die andere, die unbekannte, betritt man durch die Zufahrt der 1841 gebauten Brauerei in der Christinenstraße. Den Besucher empfängt nervender Lärm. Denn seit Februar ist hier Baustelle. Der Pfefferberg wird saniert. Angefangen wurde auf der Seite der Künstler.

Dort sind nicht nur die Betreiber des Atelierhauses "Meinblau" zu finden. Schräg gegenüber, im ehemaligen Pferdestall, ist erst am Wochenende die Ausstellung "Fraktale2" zu Ende gegangen. Die nicht mehr genutzten Gebäude auf dem Gelände wurden inzwischen entkernt, die Garagen, die in den 70er Jahren auf dem Hof gebaut wurden, abgerissen. Jetzt beginnt Phase zwei, die eigentliche Modernisierung. "Die meisten Gebäude hatten weder Strom noch Wasser. Es war höchste Zeit", sagt Tania Wehrs, Sprecherin des Pfefferwerkverbundes, der das Gelände für 8,1 Millionen Mark gekauft hat und in dessen Regie auch die Sanierung des Geländes stattfindet. "Wir wollen hier nicht glattsanieren", sagt Wehrs. Die Rauheit des Industriedenkmals Pfefferberg - das über vier Jahrzehnte hinweg entstand und entsprechend uneinheitlich aussieht - solle mit der Sanierung der Fassaden noch unterstrichen werden. 40 Millionen Mark wird allein die Renovierung kosten. Doch auch drei Neubauten sind auf dem Gelände geplant. An der Christinenstraße soll ein Hotel mit 73 Betten entstehen, gegen das sich schon jetzt eine Bürgerinitiative wehrt. Und im begrünten Nordhof ist ein zweisprachiger Kindergarten geplant. Außerdem soll eine Brücke von der Schönhauser Allee über das Gelände zur Christinenstraße führen. Dazu wird das Brückensystem, das seit jeher die einzelnen Häuser der Brauerei verband, wieder hergerichtet und ausgebaut. Terrassen werden entstehen, die später auch für Konzerte und Performances genutzt werden können. Das Quergebäude, das zur Zeit als Verwaltungshaus dient, soll später ein Atelierhaus werden, in dem Künstler auf Stipendienbasis wohnen und arbeiten können. Die Einnahmen aus der Vermietung des sanierten Pfefferbergs werden dann an die Stiftung Pfefferwerk gehen, die sich in den Bereichen Denkmalpflege, Jugendhilfe und Kulturförderung engagiert. Nicht nur Künstler, auch Dienstleister und Händler könnten sich später hier ansiedeln. Wichtig ist dem Investor jedoch, dass die neuen Mieter kulturnah sind. "Einen Supermarkt wird es auch in Zukunft am Pfefferberg nicht geben, dafür aber vielleicht einen Ticketverkauf oder einen Laden für Künstlerbedarf", sagt Wehrs. Die ersten Mietverträge für die 22 800 Quadratmeter große Nutzfläche sind abgeschlossen, schon am 1. Dezember eröffnet die japanische Galerie "Ikeda" im Heizhaus ihre europäische Dependance.

Vermietet werden soll auch die dritte unbekannte Seite des Pfefferbergs: die Kellergewölbe. Zweistöckig erstrecken sie sich auf 13 000 Quadratmetern unter dem gesamten Gelände. Früher wurden hier Bierfässer gelagert, seitdem haben die Gemäuer viel erlebt. Im Krieg suchten Stadtbewohner hier Schutz vor den Bomben, zu DDR-Zeiten sollen Volkspolizisten in den langen Gängen Schießen geübt haben. In jüngster Zeit allerdings interessieren sich vor allem Film- und Partymacher für die bis zu neun Meter hohen Gewölbe. "Im Keller sollen ebenfalls Galerien und vor allem Nachtclubs einziehen", sagt Wehrs. Er bekomme unzählige Anfragen. Auch ein Wellnessbad könne man sich hier vorstellen, gerade sehe man sich nach einem geeigneten Betreiber um. Die ehemalige, im zweiten Weltkrieg zerstörte Schankhalle an der Schönhauser Allee, soll ein Restaurant werden. Dazu bekommt die Ruine eine zweite, innere Hülle. Das Gebäude soll den Charme derRuine behalten.

Verlassen liegt der Biergarten in der Herbstsonne, längst sind die Tische und Bänke in ihrem Winterquartier verstaut. "Vielleicht ist er schon im nächsten Sommer wieder geöffnet", sagt Wehrs. Wenn alles nach Plan laufe, sei das sehr wahrscheinlich. Die Pfefferwerker wissen, wie sehr die Anwohner diesen Biergarten mögen. Er wird als erster gleich nach der Modernisierung wieder eröffnet - spätestens im März 2003.

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