Berlin : Die Künstlerin Rosemarie Trockel stellte sich in Moabit erstmals der Presse

Moritz Schuller

Nein, Rosemarie Trockel sei noch nicht da, aber sie werde gleich kommen, sagt die junge Frau an der Tür. Der Interview-Wunsch werde natürlich weitergeleitet. Zu früh also, auch sonst ist noch kein Mensch in der Universal Hall in Moabit. An der Wand lehnt eine Leiter und auf der Tanzfläche übt ein kleines Mädchen Handstand. Die Klofrau kommt aus dem Keller und beobachtet die Vorbereitungen: "Das Licht ist ja spießig".

An der Bar steht eine Frau, Mitte vierzig vielleicht, die Tasche modisch um die Schulter gehängt, und unterhält sich mit dem kleinen Mädchen. Die Männer auf der Leiter hängen weiter Poster aus der Werbung für Absolut-Vodka auf. Rosemarie Trockel, die große Künstlerin, Trockel, der Star der Strick-Kunst, hat nun auch ein Poster für die berühmte Werbekampagne entworfen. In der Universal Hall, wo sich sonst Amateurboxer die Köpfe einschlagen, soll es vorgestellt werden. Das Werbevideo läuft schon in der Ecke: eine Wodka-Flasche wird eingestrickt und wieder abgestrickt, immer wieder. Dann, in großen Buchtstaben: ABSOLUT TROCKEL. Damit steht die erste Frage: Frau Trockel, wie verträgt sich Kunst mit Kommerz? Inzwischen füllt sich der Saal, die elektronische Musik wird lauter, und die Mädels vom Catering-Service schenken Sekt aus. Über Handy der Anruf der Trockel-Assistentin: Wo stehen sie, ich komme hin. Und dann: "Rosemarie Trockel spricht nicht mit der Presse. Seit 1986 hat sie kein Interview gegeben. Aber wir händeln das schon."

Die Klofrau versprüht inzwischen Parfum in der Herrentoilette: "Wolln wa dem Herrn Joop auch mal ne Chance geben". Kaum wieder oben, erscheint auch schon die Assistentin mit einem fertigen Plan. "Wir brauchen RW". RW ist Franzose, raucht Zigaretten mit einem schwarzen Mundstück und, viel wichtiger, ist ein Bekannter von Rosemarie Trockel. "Wir sagen ihr einfach, dass Du ein Freund von RW bist, dann redet sie mit Dir." Die Assistentin verschwindet und RW gibt Instruktionen: Über Kunst und Kommerz dürfe man Frau Trockel nicht befragen, sonst sagt sie gar nichts. "Befrage sie zu ihrer Ausstellung in Caracas". Ausstellung in Caracas?

Dann läuft die Aktion auch schon an. RW geht auf eine Frau zu und sagt: "Das ist ein Freund von mir, er möchte ein Interview machen". Aber das ist doch gar nicht Rosemarie Trockel, das ist doch die Frau, die vorhin noch alleine an der Bar stand! Die eben noch mit dem kleinen Mädchen sprach. Jetzt ist sie also Frau Trockel und wartet auf die erste Frage.

"Frau Trockel, wann ist denn Ihre Ausstellung in Caracas?" "Nächstes Jahr." Und nun? "Fühlen sie sich hier wohl, die Universal Hall ist ja nicht gerade eine Gallerie?" "Ich verbringe 99 Prozent meiner Zeit außerhalb von Galerien." Vielleicht eher eine Frage zum Werbeobjekt. "Trinken sie Wodka?" "Ja, sehr gern." "Sie trinken aber gar nichts?" "Ich habe schon viel getrunken". Nicht leicht, also, trotz RWs Warnung: "Frau Trockel, ist die Vermischung von Kunst und Kommerz eine Gefahr?" "Nein, sonst hätte ich das ja nicht gemacht. Ich wußte, worauf ich mich einlasse. Außerdem haben hier eine Reihe von Künstlern mitgemacht, die ich sehr respektiere."

Und damit war das sensationelle erste Interview der Rosemarie Trockel mit der deutschen Presse auch schon beendet. RW wollte später wissen, wie es gelaufen war. Unter Freunden: Es war super gelaufen. Die Trockel ist eigentlich ganz nett.

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