Berlin : Die Kür der jungen Heringe

Nach dem Ende der Spargelfestspiele feiert die Fischlobby die Eröffnung der Matjessaion mit einer Party

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„Die Mönche machen mich fertig“, seufzt Nils BuschPetersen, Initiator der Berliner Fischtafel und Gastgeber der traditionellen Matjes-Eröffnungsparty. Normalerweise nehmen nämlich Franziskanerpatres aus Pankow das erste Fass für ihre Suppenküche entgegen. Tradition spielt eine Hauptrolle bei der Inszenierung von Saison-Spezialitäten. Aber nun warten die Gäste bereits ungeduldig auf die Eröffnung des Büfetts mit Matjesspezialitäten von der Schieferplatte. Und von den Suppenküchenbetreibern keine Spur.

Ist es nicht insgesamt schon ein bisschen spät für die Eröffnung der Matjessaison. „Wissen Sie überhaupt, was ein Matjes ist?“, fragt der fischereipolitische Sprecher der SPD, Holger Ortel. Richtig, ein jungfräulicher Hering mit erhöhtem Fettgehalt, der nur dann zum Matjes werden kann, wenn er zwischen Ende Mai und Anfang Juli gefangen wird. Tiefgefroren werde er auch zu Beginn der Saison, das gebiete das Fischereigesetz aus hygienischen Gründen. Nun sei er halt jung und schmecke am besten. Obwohl natürlich das ganze Jahr Saison ist. Auch das gehört zur Tradition, sagt Nils Busch-Petersen, dass man den Matjes „nicht in der ersten Reihe mit den Küstenstädten“ feiert, sondern etwas später. „Dann ist er nämlich am allerfeinsten und also passend für eine Hauptstadt.“ Der Fisch hat dann den besten Fettgehalt.

Klug gewählt ist der Zeitpunkt auf jeden Fall. Die Beelitzer Spargelfestspiele sind gerade überwunden und für den traditionell etwas plörrigen Rotwein, der mit erstaunlichem Publikumserfolg alljährlich als „Beaujolais Primeur“ zum Kultgetränk hochgejazzt wird, ist es noch zu früh. Es ist nichts in Sicht, was Schatten werfen könnte auf die Kür der jungen Heringe.

Zum Hauptstadt-Debüt des Matjesjahrgangs 2004 hat man sich im Restaurant Refugium unterm Französischen Dom getroffen. Der Fischer Wilhelm Beukelzoon aus Holland habe wahrscheinlich keine Ahnung gehabt, was für eine begehrte Delikatesse aus seiner Erfindung einmal werden würde, als er vor nunmehr 609 Jahren den ersten Matjes kreierte, sagt Busch-Petersen. Wahrscheinlich wusste der arme Fischer Beukelzoon auch noch nichts vom Saisonmarketing, das dem lancierten Lebensmittel immer einen besonderen Nimbus verleiht.

Die Fischbeauftragte der Holländischen Botschaft, Sylvia Deepen, startet zunächst ganz unpoetisch in ihre Hommage („Was macht der Matjes in Berlin? Er schmeckt.“), redet sich dann aber in große Form hinein von der Rolle des Herings zur Zeit Friedrichs des Großen bis zu den Matjesfässern, die holländische Fischer nach dem Krieg als Versöhnungsgesten in die nach Mangelernährung riechenden Berliner Hinterhöfe trugen. Und Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner versucht sich in Launigkeit mit dem Tipp, dass man den Matjes zwar nicht wässern, aber durchaus mit einem Wässerchen krönen dürfe. Was aber bitte nicht als Reklame für Suchtmittel misszuverstehen sei. Holger Ortel lobt noch den guten Zusammenhalt unter den fischereipolitischen Sprechern aller im Bundestag vertretenen Parteien: „Zwischen uns gibt es keinen Streit. Da herrscht Einhelligkeit.“ Schade fast, dass es in der Politik nicht immer um den Fisch geht.

Nach einer Stunde sind die Gäste satt und zufrieden und Nils Busch-Petersen ist wieder ganz gelassen. Mit den Mönchen hat es ein Termin-Missverständnis gegeben. Dass sie den traditionsreichen Fotoauftritt verpasst haben, ist ihm inzwischen egal. Die Suppenküche kriegt das Matjesfass auf jeden Fall. Fisch, das war wohl zu beweisen, ist halt auch für den Kopf gesund.

Da bräuchte er gar nicht unbedingt eine Saison dafür.

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