Berlin : Die Kür des Präsidenten

Beim Bundespresseball wurde die Kunst des positiven Denkens gepflegt. Doch auch die Abwesenheit zweier Dauergäste war großes Gesprächsthema

Elisabeth Binder

Um halb zwölf Uhr nachts zog es Bundespräsident Horst Köhler noch mal aufs Parkett. Tanz um Tanz drehte er sich mit Frau Eva Luise, die ihren ausgeprägten Sinn für Eleganz im schulterfreien, figurbetonten Abendkleid zeigte. Nach der üblichen Pflicht des Eröffnungstanzes beim Bundespresseball am Sonnabend im Interconti also eine späte Kür. Ein paar Tische neben der Tanzfläche zeigte Außenminister Joschka Fischer, sonst berühmt für eher knurrige Statements, wenn es um Vergnüglichkeiten geht, an der Seite seiner Freundin Minu Barati, dass er mit der Liebe auch sein Lächeln wiedergefunden hat.

Natürlich wird über so was gesprochen bei einem Ball, der als herausragendes Ereignis der Saison inzwischen zu den wenigen Glanzereignissen zählt, bei denen es nicht darum geht, für eine karitative Sache zu sammeln. Wenn sich einmal im Jahr Politiker und Medienleute jenseits der harten Tagespolitik auf entspannter Ebene begegnen, bilden sie dabei allerdings auch ein Art Stimmungsbarometer. Und das war diesmal selbst die gute Sache, denn es zeigte deutlich auf Optimismus, nicht nur wegen des so spät noch fröhlich tanzenden Bundespräsidenten und der eleganten weißen Kulissen mit illuminierten Sternen und Notenschlüsseln.

Im Jahr fünf nach seinem Berlin-Debüt ist der Ball richtig angekommen, gab es, wie häufiger auf gut Berlinisch gesagt wurde, „nichts zu meckern“. Vielen kam es im Interconti luftiger vor als sonst, dabei waren es wieder 2500 Gäste. Dank einiger neuer Dekorationstricks und zielgerichtet eingesetzter fliegender und fester Büfetts verteilten sie sich allerdings besser als sonst.

Zwei Gäste fehlten immerhin doch und wurden dadurch vielfach zum Smalltalk-Thema. Gut entschuldigt war der Bundeskanzler, weil er sich um sein Adoptivkind kümmern wollte. „So ein Ball ist ja schließlich nicht nur Vergnügen“, sagt Senatssprecher Michael Donnermeyer, der eigentlich nichts zum Fehlen des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit sagen wollte und sich dann doch den ganzen Abend über darauf hin angesprochen sah. Gekränktsein zählt, ganz anders als Familienpflichten, nicht unbedingt als gute Entschuldigung. Positives Denken zu zeigen, dem Geist des Optimismus zu huldigen, der hier endlich mal wieder aufflackerte, darf in einem von Pessimismus geplagten Land auch als wohltätiges Verhalten gelten.

Alice Schwarzer fand den Ball trotzdem ein bisschen langweilig, aber seitdem sie ihre Lust am Glamourleben geoutet hat, gerade den Medienpreis „Bambi“ gewonnen und dabei kräftig mit Hollywood-Stars geflirtet hat, sind die Anforderungen der ranghöchsten Feministin natürlich gewachsen.

Eher schräge Typen,wie Dieter Bohlen, der im letzten Jahr die Show an sich gerissen hatte, wurden diesmal nicht eingeschleust. Der Bundespräsident und seine Frau hatten hingegen Mühe sich loszureißen, sogar als gegen zwei Uhr morgens ihr Wagen schon vorgefahren war.

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