Berlin : Die Kuh, das seltene Wesen

In Berlin gibt es nur noch 111 Milchkühe. Die Milchverarbeitungsbetriebe spüren noch keinen Engpass

Rainer W. During

Auf dem „Carolinenhof“ der Bauernfamilie Feldbinder auf den einstigen Rieselfeldern an der Gatower Straße in Spandau blicken zwei Weißbraune über den Zaun. Knapp 50 Artgenossen stehen in den Ställen gleich hinter dem Hofladen. Am Protest der Erzeuger beteiligen sich die Feldbinders nicht, schließlich braucht man das Geld, so die Chefin hinter dem Tresen. Molkereien aus dem Umland holen die Milch täglich ab. Die Zahl der Kunden im Hofladen sei seit dem Start des Lieferboykotts vieler Milchproduzenten aber nicht gestiegen, sagt die Bäuerin.

Kühe und Molkereien sind in Berlin gleichermaßen eine Seltenheit geworden. Ganze 111 Milchkühe zählten die Statistiker vor Jahresfrist noch in der Hauptstadt; neben dem Hof der Feldbinders hat auch noch die Familie Mendler in Rudow Milchvieh.

Keine Engpässe meldet Erhard Buchholz, Geschäftsführer der Berliner Milcheinfuhr-Gesellschaft. Das Unternehmen beliefert aber mit der bei Brandenburger Bauern abgeholten Milch keine Berliner Molkereien, sondern bundesweit zehn große Milchverarbeitungsbetriebe. Bisher hatte man keine Engpässe bei der Beschaffung der benötigten Tagesmenge von rund 2,2 Millionen Litern. Probleme gibt es derzeit nur durch einen größeren logistischen Aufwand. Viele Touren mussten geändert werden, um jene Milchbauern anzusteuern, die sich nicht an dem Boykott beteiligen.

Klassische Molkereibetriebe gibt es so gut wie keine mehr in Berlin. Lediglich die Vereinigte Molkerei-Zentralen GmbH & Co KG produziert noch in der Spandauer Goltzstraße. Hier wird Sahne verarbeitet, die über den Großhandel bezogen wird. Bisher sei der Bedarf gedeckt, so eine Mitarbeiterin.

Die Firma Francia produziert in der Tempelhofer Volkmarstraße Mozzarella-Käse, der von Berlin aus in alle Welt exportiert wird. Als Nachschub für die Produktion werden wöchentlich 25 bis 30 Tanklastzüge mit jeweils 25 000 Kilogramm Milch benötigt. „In dieser Woche haben wir unseren Bedarf mit einigen Schwierigkeiten decken können“, so Betriebsleiter Pier- Luigi Verga. Heute muss er die Bestellungen für die kommende Woche aufgeben. Ob er dann genug Milch bekommt, ist ungewiss. „Wir wissen nicht, ob der Boykott weitergeht.“Rainer W. During

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