Berlin : "Die Kunst, aus der Fuge": Übersetzer der Seelen-Sprache

Isabel Herzfeld

Wenn in endlosen Schulstunden klassische Musik analysiert wird, ist aus Sicht der Schüler oftmals der lieblichste Ton das Klingelzeichen. Graue, langatmige Theorie lässt auch Erwachse sagen: "Klassik-Vorträge, nein danke!" Wenn allerdings Gerhard Herrgott Schumann oder Beethoven am Klavier vorspielt und erklärt, wird das plötzlich eine äußerst spannende Sache. "Selige Seufzer" oder "Die Kunst, aus der Fuge" heißen seine Programme, welche ein bisher verborgenes Beziehungsnetz zwischen Person und Produkt, Geschichten und Geschichte, Traum und Trivialem aufrollen. Die fis-moll-Novellette von Robert Schumann etwa, ein ziemlich unbekanntes, etwas wirr erscheinendes Stück, lässt sich auf einmal wie ein intimes Tagebuch lesen: da wird der gespannte Tritonus-Klang, der harmonisch dem "Kyrie" (Erbarme dich) von Bachs h-moll-Messe entspricht, zum heimlichen Schuldbekenntnis, liegen alle Hoffnungen und Sehnsüchte im Zitat eines "Notturnos" der Braut Clara Wieck, scheitern schließlich an erstarrten Männlichkeitsritualen, lustigen Jagd- und Marschmusiken.

Im Konzertführer steht so etwas nicht; das verlangt schon den Mut zum Querdenken. Konventionen und Eindeutigkeiten haben diesen "Klavierphilosophen" noch nie interessiert. Als Assistent für Mathematik an der TU Berlin hätte er beste Karrierechancen gehabt. Doch er ging mit 32 noch einmal unter die Studienanfänger an der Hochschule der Künste. Der Zug zur Konzertlaufbahn war da längst abgefahren. Heute lebt Herrgott als Klavierlehrer in Berlin-Tiergarten ganz nahe am S-Bahnhof mit der sagenhaften Bierkneipe "Tiergartenquelle".

Neben vielen Pflanzen und zwei Katzen beherrschen zwei große schwarze Ungetüme, Konzertflügel, die großzügige Altbauwohnung. Die Früchte eines langen Erkenntnisweges mit vielen Umwegen vermittelt er in einem Unterricht, der eigene schmerzhafte Erfahrungen und ihre Lösung, Erkenntnisse aus Körpertechnik und Psychoanalyse produktiv einbezieht. "Ich habe sogar einen Organisten als Schüler, der nicht mehr spielen konnte. Aufgrund einer meiner Veröffentlichungen kam er zu mir kam und gibt seit zwei Jahren wieder Konzerte", erzählt der passionierte Pädagoge.

Doch eigentlich ist Herrgott Übersetzer, im umfassendsten Sinne. Alles wird ihm zur Sprache, deren Codes zu knacken unwiderstehliches Rätsel bedeutet, zur Eroberung immer neuer Gebiete treibt. "An Mathematik, Philosophie und Musik faszinierte mich schon ganz früh die jeweils eigene, nicht an der Oberfläche liegende Gesetzlichkeit." Er entdeckte fernöstlich inspirierte Gedankenwelten, ging nach Paris, wo er Französisch lernen wollte und ein Pionierwerk zum "Irrtum in der Mathematik" übersetzte: "Dass so viele Leute Mathematik nicht verstehen, hängt mit dem ihnen nicht bewussten Wechsel zwischen Alltagssprache und einer hoch terminologisch codierten Sprache zusammen". Schließlich stieß er auf Lacans psychoanalytische Theorie von der sprachlichen Struktur des Unbewussten. Und was ist die Sprache der Seele? Musik! - nicht nur nach Auffassung Robert Schumanns und anderer Romantiker. Hier schließt sich der Kreis, laufen alle Fäden für den ewigen Wahrheitssucher zusammen. Bevorzugt sucht er sich Werke aus, die im Schatten berühmterer stehen, Stiefkinder von Publikum und Musikwissenschaft. Dazu gehört auch Beethovens vorletzte Sonate As-Dur op. 110, die er zur Zeit gemeinsam mit dem Psychologen Michael Jäger im "Flöz" als "Zusammenbruch aller revolutionären Hoffnungen für Europa nach 1815" deutet. Danach möchte er sich Chopin zuwenden, den scheinbar alle zu kennen glauben ...

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