Berlin : Die Kunst der kleinen Schritte

Unabhängig von den Trends des Kunstmarkts fördern die kommunalen Galerien Künstler und Kunstsinn im Kiez. Das Angebot ist beliebt, doch Sparzwang bedroht viele Standorte.

Claudia Wahjudi

Es geht ganz einfach. Wer zu Hause ein originales Kunstwerk aufhängen, aber nicht mehr als 2,50 Euro dafür ausgeben will, braucht nur in die Artothek der Kommunalen Galerie Wilmersdorf am Fehrbelliner Platz zu gehen, eine gerahmte Fotografie aus dem Regal zu nehmen und zum Tresen zu tragen. Dort prüft eine junge Frau den Personalausweis des Besuchers. Sie bittet um die Leihgebühr, nennt das Rückgabedatum, dann schlägt sie das Bild in Noppenfolie ein. Das Ganze dauert keine 15 Minuten – andere Gäste sind nicht zugegen.

Die Freude des einen ist die Sorge der anderen. Die Artothek, die so still wirkt an diesem Winternachmittag, zählt zu den publikumsnahen Angeboten in den Kunsträumen der Berliner Bezirke – den kommunalen Galerien. So gibt es einen Kunstverleih auch in Reinickendorf und Treptow-Köpenick, es gibt Kreativworkshops für Jugendliche wie in Wedding und viele, viele Ausstellungen, kombiniert mit Führungen, Vorträgen, Konzerten und sogar mal mit Kochkurs. Und doch fürchten die Leiter der Galerien, dass ihr Programm im vielstimmigen Kulturkonzert Berlins untergeht.

Tatsächlich konkurrieren sie um die Aufmerksamkeit eines verwöhnten Publikums: mit 170 Museen, geschätzten 150 Künstlerräumen und rund 450 kommerziellen Galerien in Berlin. Anders als letztere verkaufen kommunale Galerien aber keine Kunst. Sie handeln in öffentlichem Auftrag, unabhängig von den Trends des Kunstmarkts: Sie arbeiten dezentral, sollen Kunst und Künstler auch in den Kiezen fördern. Dabei geht es natürlich nicht immer so still zu wie an jenem Nachmittag in der Artothek. Als kürzlich im Haus am Kleistpark die Tempelhof-Schöneberger Jugendkunstschule eine Vernissage feierte, jazzte eine Kapelle der benachbarten Musikschule, dass die Wände wackelten. Und als in der Pankower Galerie Parterre Mitte Januar eine Präsentation mit dem Nachlass des Kunsthistorikers Diether Schmidt eröffnete, kamen Gäste aus Potsdam und Dresden angereist, um einen Blick auf Werke von Kokoschka und Kollwitz, Grundig und Hofer zu werfen.

Bei aller Vielfalt: Zu unterschätzen sind die kommunalen Galerien nicht. Der Ökonom Hergen Wöbken nennt sie in seiner Berliner Kunst-Studie von 2010 in einem Atemzug mit großen Häusern wie dem Martin-Gropius-Bau: In ihnen treffe das Publikum lokale genauso wie international bekannte Künstler. Dass die Galerien bei den Schöpfern von Werken hoch im Kurs stehen, bestätigt Dorothea Kolland. Die Musikwissenschaftlerin leitete 31 Jahre lang das Kulturamt Neukölln und hat ihre Erfahrungen Ende 2012 in dem Buch „Werkstatt Stadtkultur“ zusammengefasst. Auf die Probleme der bezirklichen Ausstellungsorte angesprochen, sagt sie nun, die Galerien kämen „als kulturpolitischer Faktor in der Stadt nicht vor und der Kunstbetrieb nimmt sie nicht ernst“. Bereits ein Kunstgutachten im Senatsauftrag 1994 habe sie ignoriert, und auch zu den Expertenberatungen über die Kunsthalle, die Klaus Wowereit plante, seien ihre Vertreter nicht eingeladen worden.

Aufwendige Öffentlichkeitskampagnen haben diese indes bisher nicht lanciert. Das soll sich nun ändern. Ein Kreis engagierter Leiter entwirft derzeit ein Heft mit einem Stadtplan, das alle städtischen Galerien vorstellt. Konzertierte Ausstellungen und Aktionen sollen folgen. Dabei lässt sich die Leistung der kommunalen Galeristen bereits jetzt sportlich nennen. Manche leiten zusätzlich den ganzen Fachbereich Kultur ihres Bezirks. Die Glücklicheren arbeiten mit einer Bürokraft zusammen, in der Regel machen die Leiter jedoch alles allein: Programmgestaltung, Künstlerkontakte, Ausstellung, PR-Arbeit, Publikationen, Archiv. Die Chefin der Galerie Parterre, Kathleen Krenzlin, hat die ausgestellten Blätter aus Diether Schmidts Nachlass eigenhändig gerahmt. „Für alles andere“, sagt sie und lacht dabei, „hätten wir gar kein Geld.“

Rund 25 000 Euro beträgt in vielen kommunalen Galerien das Jahresbudget für das Programm. Das muss für sechs bis acht Ausstellungen reichen. Das Aufsichtspersonal kommt oft über freie Träger vom zweiten oder dritten Arbeitsmarkt. Es bewacht die Kunst zu Öffnungszeiten, die von Galerie zu Galerie variieren, jedoch eine Gemeinsamkeit haben: Jede Galerie versucht, so viele Besuchsstunden wie möglich vorzuweisen, weil die Kultur der Bezirke über eine komplizierte, nach Angebotsstunden bemessene „Kostenleistungsrechnung“ refinanziert wird. Zweit- und Drittmittel können die Kassen aufbessern. Fördert etwa der Hauptstadtkulturfonds eine besondere Ausstellung in einer Bezirksgalerie wie „Hungry City“ 2012, eine Schau über Landwirtschaft in der Gegenwartskunst im Kunstraum Kreuzberg, kann seine Unterstützung dafür 50 000 Euro betragen. Eine reelle Summe für eine anspruchsvolle Schau.

Die Bezirksgalerien stecken dennoch mittendrin in den Berliner Dilemmata: zwischen einem offensichtlichen Bedürfnis nach Kultur und der Pflicht zum Sparen, zwischen einer Sehnsucht nach mehr Übersichtlichkeit im turbulenten Angebot der Stadt und der in die Berliner Verfassung eingeschriebenen Autonomie der Bezirke. Denn ob Ausstellungsführungen für Kinder oder Werkstattbesuche bei Künstlern: Die Angebote werden nachgefragt. Doch genauso herrscht Einsicht in die Notwendigkeit, die Schulden des Landes zu begrenzen. Erhalten die Bezirke jedoch weniger Geld, wird es knapp für Kultur. Anders als etwa die Straßenpflege zählt die Kulturförderung nicht zu den „pflichtig selbstverwalteten“ Aufgaben. Kultur ist freiwillig. Daher ist es um die kommunalen Galerien überall anders bestellt. Ihr Status resultiert einerseits aus Ehrgeiz und Geschick des jeweiligen Leiters.

Andererseits hängt der Status der Galerien auch von den Stadträten, den politischen Mehrheiten und den Ressortzuschnitten in den Bezirken ab. So regiert in Mitte eine Zählgemeinschaft aus SPD und CDU, die Finanzen liegen bei der SPD. Das Ressort Weiterbildung und Kultur hat jedoch eine grüne Kulturstadträtin inne, die zudem Umwelt und Naturschutz verantwortet. Keine günstige Ausgangsposition für Verhandlungen – zumal in Mitte der Nothaushalt herrscht. Nun sorgen sich Künstler und freie Kuratoren, dass der Bezirk seine Galerien aufgeben will. Friedrichshain-Kreuzberg wiederum hat zu Zeiten der PDS-Bürgermeisterinnen die Fotogalerie am Helsingforser Platz an einen freien Träger übergeben. Der führt die Galerie zwar bis heute weiter, doch an die alten Erfolge, als hier bekannte Fotografen wie Sebastiao Salgado und Gundula Schulze-Eldowy ausstellten, hat er nicht anknüpfen können. Und in Pankow stand Anfang 2012 das Geld für gleich fünf Kultureinrichtungen auf der Sparliste, darunter die der Galerie Parterre. Nachbarn und Künstler protestierten damals erfolgreich, sogar Kulturstaatssekretär André Schmitz appellierte an den Bezirk. Aktuell droht jedoch die landesweite Einsparung von rund 1500 Stellen, die die Kommunen bis 2016 in leisten sollen. Wie und wo, entscheidet sich in den Bezirken. Mancherorts wird es wohl auch die Kultur treffen.

Seit Herbst trifft sich eine Gruppe um Elke von der Lieth aus Wilmersdorf, Ralf Hartmann von der Galerie Nord in Tiergarten, Karin Scheel von der Marzahner Galerie M, Stéphane Bauer aus Kreuzberg. Sie haben ihre Situationen verglichen und schmieden jetzt Aktionspläne. Einige Leiter nahmen zudem an dem Zukunftsworkshop der Kunstszene teil, „K2“ genannt, zu dem Kulturstaatssekretär André Schmitz im November geladen hatte. „Es ist wichtig, dass wir enger zusammenrücken, um unser Angebot deutlicher zu positionieren“, so Karin Scheel.

Der Politik scheint der Handlungsbedarf inzwischen bekannt. So will der Pankower Kulturstadtrat private Unterstützer für die klamme kommunale Kultur gewinnen, in Mitte will die Kulturstadträtin die letzte verbleibende Stelle für eine Galerieleitung sichern, um auch in Zukunft einen festen Ansprechpartner für neue Konzepte zu haben. Das Land wiederum zahlt schon lange in den Bezirkskulturfonds ein, eine Art Topf für besondere Projekte. André Schmitz hofft zudem, dass eine neue Berliner Liegenschaftspolitik Verkaufsdruck von bezirkseigenen Häusern nimmt.

Den prekären Status Quo zu sichern, reicht manchem allerdings nicht aus. So findet Ralf Hartmann vom Kunstverein Tiergarten, der das Programm für die Moabiter Galerie Nord macht, der Senat könne durchaus „wie bei Verkehr oder Grünflächen den Bezirken auch bei der Kultur klare Vorgaben machen und ihnen zweckgebundene Mittel überweisen“. Das würde freilich die Eigenständigkeit der Kommunen einschränken.

Und Eigenständigkeit bietet durchaus Chancen. In Neukölln konnte Dorothea Kolland Pionierarbeit leisten. Sie bewahrte den Saalbau vor dem Abriss, machte die Galerie im Körnerpark bekannt, passte deren Programme an den Wandel der Nachbarschaften an, bis die Themen Migration, Geschichte und Identität im Mittelpunkt standen. Und sie hat 2009 einen „Kulturentwicklungsplan“ herausgebracht. Schwarz auf weiß steht darin, dass zu den Neuköllner Stärken „stabile Kulturinstitutionen“ zählen – beide Worte sind fett gedruckt. „Es muss keine landesweite Linie für kommunale Kulturpolitik geben“, sagt Kolland. „Aber innerhalb eines Bezirks muss klar sein: Warum will er sich seine Galerien leisten? Und die Galerien müssen ein klares kulturpolitisches Profil haben – zeigen, wie sie sich zu ihrer Umgebung verhalten und wie sie die Internationalisierung des Kunstbetriebs spiegeln.“

Wie viel und welche Kunst sollen sich die Kommunen also leisten? Braucht es ein neues Landesgesetz oder reicht bereits Lobbyarbeit? Und was bedeuten die von Bezirk zu Bezirk verschiedenen Angebote für gerechte Chancen, an Kultur teilzuhaben? Auch darüber diskutieren die Galerieleiter bei ihren Treffen. Ihre Fragen werden Kreise ziehen: im Rat für die Künste, einem gewählten Forum von Vertretern Berliner Kulturinstitutionen, das Politiker beraten will, und vielleicht auf der nächsten Kunst-Tagung beim Kulturstaatssekretär. Der sagt, der Senat leiste bereits im Rahmen seiner globalen Zuweisungen an die Bezirke – knapp 5,9 Milliarden Euro waren das im Jahr 2012 – das für das hoch verschuldete Land Machbare.

Derweil hat Neukölln die nächste Eröffnung gefeiert, an einem dunklen Januarfreitag im Saalbau. Auf der Karl-Marx-Straße eilen Passanten durch den Schneematsch, vorbei an „Yücelkebab“ und „Schnäppchenprinz“. Ein Schaufenster überstrahlt alle anderen. Als habe hier eine Luxusboutique aufgemacht, wallt im grellen Licht einer Auslage eine luftig himmelblaue Stoffbahn über ein Gitter und lässt an islamische Couture und Straßensperren zugleich denken. Dahinter hängen Fotos, die von fern aussehen wie Modeaufnahmen von Models vor Beton. Bereits während des Aufbaus, sagt die Künstlerin Bettina Allamoda, seien Neugierige hereingekommen und hätten gefragt, ob das auf den Bildern Palästina sei.

Jetzt muss Allamoda fast schreien, so laut reden all die Gäste – auf Deutsch, Türkisch, Englisch, Arabisch. Links hängen schwarze Lederjacken der Künstlerin Esra Ersen, auf dem Rückenteil markige Sprüche auf Portugiesisch: „Warum wählen, Armut bleibt.“ Es geht um Kleider, die Leute machen. Mitten im Getümmel steht Dorothea Kolland, die pensionierte Kulturamtsleiterin, in dicker Winterjacke, den Rücken zur Tür, das Treiben fest im Blick. Sie lächelt nicht, aber man könnte meinen, sie sieht zufrieden aus.

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