Berlin : Die Kunst des achtsamen Atmens

Thich Nhat Hanh ist der nach dem Dalai Lama bekannteste buddhistische Lehrer. Jetzt hat er in Hermsdorf ein „Zentrum des Mitgefühls“ gegründet

Thomas N. Riens

Einatmen – ausatmen. Gong – Gong – Gong. Dreimal lässt der Schlegel die große Glocke beben. Gesenkten Hauptes, die Augen geschlossen, lauschen alle dem verhallenden Klang nach.

Thich Nhat Hanh, der nach dem Dalai Lama bekannteste buddhistische Lehrer, erteilt eine Lektion in seiner „Kunst des achtsamen Lebens“. Was sich hinter der Lehre des Meisters verbirgt, wird jetzt im neuen buddhistischen Zentrum, der „Quelle des Mitgefühls“ in Hermsdorf, gelehrt und gelebt. Seit Oktober bieten Nonnen aus dem französischen Mutterkloster Thich Nhat Hanhs in der alten Hermsdorfer Stadtvilla und ihrem Garten gemeinsame Meditationen an. Jetzt ist Thich Nhat Hanh aus Frankreich angereist, um die Berliner Dependance einzuweihen. „Die Kunst des achtsamen Lebens ist die Kunst des achtsamen Atmens“, sagt er. An den Wänden der Räume mit den schlichten Altären hängen Sinnsprüche: „Atme und du bist lebendig“, „Atme meine Liebe“.

Die Frühmeditation beginnt täglich um 5.30 Uhr, die am Abend um 19.30 Uhr. Der „Praxistag“ am Sonntag rundet die Übungen ab, Meditationswochen sind geplant. Den Besucher erwarten Liege-, Sitz- und Gehmeditationen. Annabelle Zinser von der „Gemeinschaft der Praktizierenden“ beschreibt das so: „Wir gehen bewusst und achtsam durch Hermsdorf.“ Die Nachbarn haben sich schon fast an die Gruppen gewöhnt: 30 Geher, die schweigend Hand in Hand wohlgemessen schreiten. Das Ziel beschreiben die Nonnen in dem Wunsch, alle „zerstreuenden, unwichtigen und unheilsamen Gedanken aufzuheben und den inneren Frieden zu finden“. Der Meister formuliert es schlichter: „Calm down!“

Dabei geht es Thich Nhat Hanh längst nicht nur um den inneren Frieden stressgeplagter Westler. Der Exil-Vietnamese, der bereits während des Vietnamkriegs als konsequenter Pazifist auftrat und dafür von Martin Luther King für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde, engagiert sich in vielen weltpolitischen Konflikten. Der charismatische Mönch im braunen Gewand tritt vor dem Plenum des Weltwirtschaftsgipfels dafür ein, Managern mehr Zeit für ihre Familien zu gönnen, bringt verfeindete Israelis und Palästinenser bei Gehmeditationen in seinem Kloster dazu, aufeinander zuzugehen, und erklärt die Terroristen des 11. September für „Täter mit falschen Vorstellungen“. Es gelte, die Menschen, auch einen George W. Bush, durch Mitgefühl von ihren falschen Vorstellungen zu erlösen. Dass Thich Nhat Hanh gerade in Berlin sein erstes „Zentrum des Mitgefühls“ in Deutschland gegründet hat, geht nicht allein auf die starke buddhistische Gemeinde zurück. Der Buddhist fordert die Deutschen auf, sich stärker im Nahostkonflikt zu engagieren. Es zieht ihn in die Nähe des Kanzlers und Außenministers. Beide sind eingeladen, beim Gehen in Hermsdorf oder am heutigen Sonntag um 17 Uhr einige falsche Vorstellungen abzulegen. Dann spricht Thich Nhat Hanh im Tempodrom zum Thema „Frei sein von Angst“.

Buddhistisches Zentrum „Quelle des Mitgefühls“, Heidenheimer Straße 27 in Hermsdorf, Tel: 4058654-0, -1, -2. Am 23. Oktober, 20 Uhr, ist im Lindengarten, Nordufer Ecke Fehmarner Straße in Wedding, der Film „Glück ist die Freiheit von Vorstellungen“ zu sehen. Er zeigt Thich Nhat Hanh im Gespräch mit Gregor Gysi. Näheres unter Tel. 4650 7139

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