Berlin : Die Kunst, ein Schloss zu retten

Rundále, km 4406: Seit 40 Jahren bemüht sich Imants Lancmanis, Lettlands prächtigsten Barockbau vor dem Verfall zu bewahren. Er kommt gut voran, aber nie ans Ziel

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Schloss Rundále ist wie eine Fata Morgana. Im platten Süden Lettlands, wo graubraune Dörfer sich zwischen Sümpfen ducken, biegt man von der Landstraße zu einer Hand voll Häusern ab und sieht eine gelb und weiß strahlende Barockfassade von solchen Ausmaßen, dass Schloss Sanssouci daneben wie der Anbau für den Gärtner erschiene. 138 große bis riesige Räume beherbergt das Karree, das Zarin Anna Iwanowa ab 1735 für ihren Günstling Ernst Johann von Biron, Herzog von Kurland, errichten ließ. Macht reichlich 7000 Quadratmeter Wohnfläche plus 70 Hektar Hof und Garten.

Seit nunmehr 40 Jahren residiert auf Schloss Rundále Imants Lancmanis, ein freundlicher Mann mit grauem Bürstenschnitt und noblen Manieren. Sein feudales Büro befindet sich im zweiten Stock, etwa unterhalb des verschnörkelten Schornsteins, auf dem ein Storch gerade sein Nest für Störchin und Gelege polstert. Man sieht ihn sehr schön durchs Fenster, wenn man dem Schlossherrn durch das Labyrinth der Gänge in den Südflügel folgt. Dort ist Lancmanis’ Lebenswerk dokumentiert – auch wenn ihm dieses Wort wohl zu groß wäre. Eine Ausstellung erklärt die Restaurierung des Schlosses, die Lancmanis seit 32 Jahren leitet und deren Abschluss er nicht mehr erleben wird. Aber er ist weit gekommen. Als er anfing, zu Sowjetzeiten, war in einem Teil des Schlosses eine Schule samt Internat untergebracht – mit Basketballkörben unter Stuckdecken. Die meisten Räume standen leer. Viele Türen und Fenster fehlten, seit sie 1920 herausgebrochen und verheizt wurden. Inzwischen sind nicht nur das Dach dicht und die Heizung intakt, sondern auch etwa 40 Zimmer originalgetreu hergerichtet: Die einst in Berlin und Potsdam gekauften Seidentapeten wurden in Moskau neu gewebt, naiv bemalte Ofenkacheln von Sankt Petersburger Künstlern nachgeahmt, Spiegel samt Stuckrahmen erneuert, Parkett restauriert. Auch ein „Kurland“Service der Königlichen Porzellanmanufaktur steht wieder in der Vitrine, seit Klaus Wowereit es bei einem Besuch dem lettischen Präsidenten schenkte.

Viele Möbel im Schloss waren schon seit einem Besuch von Napoleons Truppen 1812 verloren. Aber nicht alle. Lancmanis bleibt vor zwei mit blauem Samt bezogenen Stühlen stehen: „Das sind Originale. Wir haben sie in einer Kirche gefunden. Sie waren völlig kaputt. Dem Pastor haben wir zwei solide Eichenstühle dafür gegeben“, sagt der Direktor, lächelt und fügt hinzu: „Guter Tausch.“

Bei den Sowjets gab es weder genug Ressourcen noch vernünftige Fassadenfarbe. Jetzt, wo das Gelb aus den achtziger Jahren wieder abblättert, gibt es alles, nur nicht genug Geld. „Die neureichen Letten geben ihr Geld nicht für so etwas Feines aus, sondern kaufen sich eher noch einen Mercedes. Mäzenatentum muss sich erst entwickeln.“ Dass der Staat kaum Geld beisteuert, versteht der Direktor. „Die Renten sind wichtiger.“

Aber vor kurzem überwies ein Brite 48 000 Pfund, der in Bayern lebende Ururururururenkel des Bauherrn stiftet die Parkettrestaurierung im Schlafzimmer des Herzogs. Und der russische Rolls-Royce-Chef bezahlt die Renovierung der Gemächer der Herzogin.

Lancmanis zeigt ein paar überpinselte Wandmalereien. „Die müssen chemisch freigelegt werden. Das dauert Jahre und ist furchtbar teuer. Vielleicht gibt’s dafür ja was von der EU.“ Dann lächelt er wieder – mehr nach innen. Es ist kein Geschäftsmann, der da lächelt. Eher einer, der noch Träume hat.

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