Berlin : Die längste Windel der Welt

500 Eltern und Erzieher protestierten mit einer ungewöhnlichen Aktion gegen die Gebührenerhöhungen in Kitas und Krippen

Sabine Beikler

„Kitas sind Bildungseinrichtungen“, „Kinder sind die Zukunft“ oder „Heute beginnt die Klassengesellschaft in den Kitas“: Das steht auf einigen der schätzungsweise 6000 Windeln, die seit Sonnabend „die längste Windelkette der Welt“ auf 1,3 Kilometern bilden. Rund 500 Eltern, Erzieherinnen und Kinder haben die Riesenwindel-Aktion des Landeselternausschusses der Berliner Kitas (Leak) gegen höhere Kita-Gebühren und die familienfeindliche Politik des Senats vor dem Roten Rathaus unterstützt. „Kinder und Eltern brauchen Sicherheit und verlässliche Standards“, sagte der Leak-Vorsitzende Klaus-Dieter Hinkelmann. Er forderte kostenlose Kitas, mehr Elternrechte, ein Sanierungsprogramm für Kitas und die Rücknahme der Kitagebühren-Erhöhung.

„Würden auch die Politiker sparen, hätte ich kein Problem, einmal mehr bei Aldi einzukaufen und dafür höhere Kita-Gebühren zu zahlen“, sagte Alban Nuber, Vater von zwei kleinen Kindern. So aber seien die Erhöhung der Kita-Gebühren und die Kürzung des Grundgehaltes für Erzieher um zehn Prozent „nicht gerecht“. Die Gebührenerhöhung treffe auch Familien, die durchschnittlich verdienten, kritisierte Susann Roge, alleinerziehende Mutter. „Was ist denn in den Augen des Senats ein so genannter Besserverdienender?“

Kritik gab es vor allem gegen die PDS: „Es gibt keine Kürzungen im Bildungsbereich, hieß es vor der Wahl. Das, was Rot-Rot jetzt entschieden hat, ist nicht sozial ausgewogen“, schimpfte Andreas Goßlau. Den Unmut gegen Rot-Rot spürte auch der frühere PDS-Wirtschaftssenator Gregor Gysi durch Pfiffe und Buh-Rufe. Die Gebührenerhöhung tue „sicher vielen weh“, sagte der Sozialist. Doch „höchstwahrscheinlich“ werde seine Partei auf dem Parteitag am Sonntag die Beitragserhöhung für Krippen wieder zurücknehmen. „Das ist doch ein Teilerfolg“, sagte der PDS-Politiker.

Dass die Erhöhung der Krippen-Gebühren um 20 Prozent zurückgenommen wird, darauf haben sich die SPD-PDS-Fraktionsspitzen ohnehin schon geeignet. Der Senat will mit der Kita-Gebührenerhöhung rund zwölf Millionen Euro einsparen. „Damit wird der Haushalt aber nicht saniert“, sagte CDU-Landeschef Joachim Zeller, der die Gebührenerhöhung als „familien-, frauen- und integrationsfeindlich“ bezeichnete. Starke Worte gegen die heftig umstrittene Gebührentabelle kamen bereits am Donnerstag vom Rat der Berliner Bezirksbürgermeister: Er lehnte die Beitragserhöhung mit überwältigender Mehrheit als familienfeindlich ab.

Um zu sparen, könne man die „völlig überhöhten 96 Millionen Euro für den Stellenpool“ hernehmen, forderte Grünen-Fraktionschefin Sibyll Klotz. Außerdem müsse jedes Kind im letzten Jahr vor Schulbeginn einen Rechtsanspruch auf einen kostenfreien Ganztagsplatz haben. Berlin könne sich ein Beispiel am Saarland nehmen, wo die Vorschule gebührenfrei ist, sagte der Berliner GEW-Landeschef Ulrich Thöne. Er verlangte als Konsequenz aus der Pisa-Studie, stufenweise den Kita-Besuch kostenlos zu ermöglichen.

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